1.Juli 2020von LINTZOAINnach PAMPLONA – 43,4 km

6.15 Uhr

Christina und ich sind auf dem Weg.

Heute ging es lange Zeit um Waldorfpädagogik.

Und, nein, ich kann jetzt nicht meinen Namen tanzen. Etwas anderes aber ist passiert, wie immer, wenn man sich mit Fremdem befasst, öffnet sich auch das Verstehen.

Zudem entdeckte ich gerade einen Artikel in der Kirchenzeitung. Sollte irgendjemand an das Blatt rankommen wäre ich dankbar, wenn er mir den Artikel zurücklegt.

15.15 Uhr 

wir laufen in Pamplona ein. Die erste Herberge CASA PADERBORN hat noch geschlossen. 

Jetzt sind wir bei Jesus und Maria untergekommen.  Nette Leute.

Die Herberge nennt sich so. Eine alte Kirche. Betten rein, ein paar Trennwände eingezogen, 10 € in den Klingelbeutel, dann gibt es einen Schlafplatz. Im Altarraum kann ich duschen und meine Wäsche waschen. 

Jetzt erst mal in die City zur Post. Christina möchte noch ein paar Klamotten zurück schicken. 

Morgen trennen wir uns. Scheidung mit Ansage.

Nach Pilgerweg, Gang zur Post, Erkundung der Stadt Pamplona und Restaurantsuche (war dringend nötig, seit heute weiß ich, dass auch eine Waldorfpädagogin sich – wie viele Sterblichen – sich zur Diva entwickelt, wenn sie Hunger hat) lautet die magische Zahl heute 43,43 km

Gute Nacht, Freunde, es wird Zeit für mich zu gehen (morgen um 6.00 Uhr)

30.6.2020 von SAINT JEAN PIED DE PORTnach LINTZOAIN – 44 km

5.30 Uhr . Ausschlafen sozusagen, wenn ich meine „normale“ Zeit im Kopf habe. 

Ich hoffe, ich hörte den Wecker bevor alle anderen geweckt waren.

Aus dem Zimmer geschlichen, Rucksack gepackt. 6.00 Uhr stand ich vor der verschlossenen Herbergstür. Leider von innen. 

Eine andere Pilgerin, Christina, übernahm das Wecken des Herbergsvaters. 6.05 Uhr stand ich draußen.  Auf nach Roncavalle.

13.00 Uhr erreichte ich Roncavalle. Konkret: Christina und ich erreichten Roncavalle. Wir sind die 25 km zusammen gelaufen, so lernte ich etwas über Waldorfpädagogik, was sie lernte und ob, müsst ihr sie selber fragen.

Chemie stimmt, und unsere Laufphilosophie auch. Die da lautet, wir kommen schon an.

Wo wir heute ankommen klärt der Nachmittag. 

18.15 Uhr

44,08 die Zahl des Tages.

Von Saint Jean Pied de Port bis Lintzoain sind es 44,08 km. Gemessen mit allen Gängen, um sich einen Kaffee zu holen und zur Toilette. 

Christina und ich laufen noch zusammen und es fehlt nie ein Gesprächsthema. 

Das Kaff hier ist beschaulich. Zum Glück haben wir wenige Kilometer zuvor etwas zum Abendessen gekauft.

Ob wir hier jedoch bettlägrig werden steht noch in den Sternen.  Die Pension am Ort ist verwaist….

20.08 Uhr.

Geduscht und Wäsche gewaschen. Ein Dosenbier intus und sobald Christina dieselbe Prozedur (mit Ausnahme des Dosenbiers) hinter sich hat gibt es etwas zu essen.

Seit dem 15. März sind wir die ersten und einzigen Gäste hier. Die Zimmernachfrage bei männlichen spanischen Herbergsvätern übernimmt die blonde Christina, die Wunder bewirkt, wenn der Spanier eigentlich nur nach vorheriger Reservierung vermietet. Bei spanischen Herbergsmüttern werde ich mein Glück versuchen.  Früher war ich auch blond und hatte wallendes Haar.

29. Juni 2020

6.40 Uhr pünktlich mit dem Flixbus in Paris angekommen. 6.50 Uhr hatte ich meinen Rucksack. Mein Zug nach Bayonne geht um 7.48 Uhr ab Montpanasse – 5,6 km zu Fuß. Mir bleiben 58 Minuten.  Kenne ich mich in Paris aus? NEIN! Spreche ich Französich? NEIN! Habe ich 15 kg auf dem Rücken? JA! 7.47 Uhr angekommen. Rein in den Bahnhof, der eine einzige Baustelle ist. Zug gefunden, mehr reingesprungen als gegangen. Die Türen schließen. Abfahrt! Warum habe ich in solchen Momenten immer das Gefühl etwas vergessen zu haben? 

13.04 Uhr erreichte ich Saint Jean Pied de Port

ich hatte nicht mehr auf dem Schirm, wie schön der Ort ist.  Oder ich hatte es beim letzten Mal ob all der Pilger, die hier für gewöhnlich eintreffen oder aufbrechen nicht wahrgenommen. 

Heute ist der Ort beschaulich. Meine favorisierte Herberge hat noch geschlossen.  Für 14 € bin ich privat untergekommen. Und schon teile ich mir das 8 Personen-zimmer mit zwei geschwätzigen Deutschen,  und einem angenehm ruhigen Österreicher. 

Die zwei Deutschen luden sofort den Österreicher und mich ein, sie doch jetzt auf ein Bier zu begleiten. Die Rucksäcke waren noch nicht einmal abgesetzt. Ich lehnte ab, als ich aus der Dusche kam, sah ich den Österreicher schon wieder ins Haus kommen.  Er hatte auch schon die Nase voll.

19.00 Uhr

mir kommen Zweifel auf.  Nur so als Laie, vermutlich Kopfkino und nicht begründet. 

Wir tragen Masken,  wenn wir die Herberge betreten, liegen dann aber auf Matratzen ohne Schonbezug. Ebenso das Kopfkissen. Wie vorsorglich ich doch war, als ich ein großes Outdoor-Handtuch einpackte, das jetzt die ganze Liegefläche abdeckt.

Eine Virologe lächelt sicher müde über meine Zweifel. 

Habe mir gerade ein Bier gegönnt. Mehr ging auch nicht, kein Restaurants bietet Essen an, nur Getränke. Noch habe ich nicht gehört „wegen Corona“. Aber wird so sein, ist ja allgemein bekannt,  dass corona den Bierdurst verstärkt und das Hungergefühl nicht mehr entwickelt.

Ich verstehe einfach nichts von Corona.

28. Juni 2020 (ein Sonntag)

Meine Schwester schaute gestern etwas betreten, als ich ihr sagte mit dem Flixbus nach Paris fahren zu wollen. In ihrem Gesicht formte sich die Frage „warum tust du dir das denn an?“ Und ich beantworte diese stumme Frage mit dem Hinweis, dass ich gerne mal den Flixbus ausprobieren wolle. Zudem führe ich ab Paris weiter mit dem Zug bis Saint Joan Pied de Port, um dort den Camino zu starten.

Heute Morgen,  ich hatte noch Dienst in der JVA, war ich gedanklich schon unterwegs. Da ich unterwegs meinen Büroschlüssel nicht benötige, hatte ich ihn zu Hause liegen gelassen,  was mir im Gefängnis nicht sehr dienlich war. 

Jetzt aber – inzwischen ist es 22.50 Uhr – sitze ich in dem doppelstöckigen grünen Frosch und hoffe gleich schlafen zu können. 

„Ihre Gesundheit liegt uns am Herzen,  darum bitten wir Sie von Anfang an bis zum Ende der Fahrt einen Mund- Nasenschutz zu tragen, beim Einsteigen die Abstandsregeln einzuhalten,  sich am Einstieg die Hände zu desinfizieren und nur die Sitzplätze zu belegen, die eine grüne Kennzeichnung haben.“

(Sicherheitskonzept Flixbus)

Das mit dem Abstand hat nicht so ganz geklappt. Drängen und Schupsen um die besten Plätze. Da flutscht einer am Checkin vorbei an den Fahrer ohne Mund- Nasenschutz. Der Fahrer mahnt ihn, der Flutscher erwidert den Schutz vergessen zu haben.  „Ja dann – aber sie müssten“ und schon ist er drin.

Als ich einsteige wundere ich mich zum zweiten Mal: alle Sitze haben eine grüne Kennzeichnung. 

Anfangs hat jeder einen Doppelsitz für sich. Ab Lüttich ist der letzte Platz besetzt.

Deutsche und Ausländer, Schwarze und Weiße,  Alte und Junge, Männer und Frauen, geschätzt 80 an der Zahl, haben alle etwas gemeinsam: sie atmen. 

In 1,5 Stunden sollten wir in Paris sein. 

Die Mund- Nasenschutze hängen bei den meisten irgendwo am Kinn, dann schnarcht es sich auch besser.

Ob Flixbus so eine gute Idee war?

Der Camino France 2020 – „nach“ Corona

Der Camino öffnete in Spanien wieder am 1. Juli 2020

Die Folgen von Corona waren überall noch zu spüren. Die Maskenpflicht galt noch in ganz Europa und die Menschen blieben auf Abstand. 

Flugverbindungen waren zum Teil noch ganz gestrichen oder sehr stark eingeschränkt. 

Nie habe ich den Camino so leer erlebt, wie in diesem Jahr. Mir begegnete an vielen Tagen kein einziger Pilger. Ohnehin hatte ich den Eindruck, dass der Weg in diesem Jahr stark „männerlastig“ war. Zudem fehlten vollkommen die Pilger aus Asien und Amerika.

Oft war ich der Einzige in einer Herberge.

In diesen waren die Gemeinschaftsküchen gesperrt, was auch bei Anwesenheit mehrerer Pilger das abendliche gemeinschaftliche Kochen – das ich überaus liebe – ohnehin unmöglich gemacht hätte. 

In den Schlafräumen galt: je Pilger einen neuen Papierbettbezug für die Matraze und das Kopfkissen.

Schon bei der Ankunft wurden die Schuhe desinfiziert und der Rucksack in einen Plastikbeutel verstaut. Was ich nie wirklich ganz verstanden habe,  da spätestens im Schlafraum jeder Pilger an seinen Rucksack musste, keiner trug ihn zum Spaß mit sich herum. 

Es gab noch vieles was fremd war, manches ärgerte, manches belustigte. 

Ein paar Eindrücke:

Die Frage für Dienstag, den 10. März:

Habe ich eine Heimat?


Kann meine Heimat auch nicht-geographisch verstanden sein?


Etwa ideologisch, im Glauben, oder kann sie sich festmachen in bestimmten Menschen oder auch einer Sprache?


Und wenn ich jetzt auf diese Fragen schnell eine Antwort gefunden habe:


Kenne ich das Gefühl, das ich empfinde, wenn nach einer langen Reise, das Flugzeug, der Zug oder das Auto wieder auf deutschem (für einige dieser Gruppe: italienischem, amerikanischem, holländischem, afghanischem, syrischem) Territorium landet oder ankommt?


Wenn ja, muss ich die obere zuerst gegebene Antwort erneut überdenken?