8. Dezember (Dienstag der zweiten Adventswoche)

In meinem Büro habe ich drei gleich aussehende Adventkalender. 

Zwei im Schrank versteckt, einen auf meinem Tisch, an dem ich die Gespräche führe. 

Wer vormittags zu mir zum Gespräch kommt findet immer einen Kalender vor, dessen Tagestürchen noch nicht geöffnet ist. Dann hört er den Satz: Der erste darf das Türchen aufmachen. Eine kleine Lüge, die ich da dem zweiten und dritten Gesprächspartner auftische, aber am Vormittag hat jeder meiner Gesprächspartner das Gefühl “der Erste” zu sein. Und ich bilde mir ein, aufgrund der Tatsache der Erste zu sein,  strahlen die Augen ein wenig (oder ist es so?). Ich hoffe dann, dass es mir im Gespräch auch gelingt dem Gesprächspartner zu vermitteln “der Erste” oder übersetzt: “in diesem Moment der Wichtigste” zu sein. 

Viele fühlen sich Zeit ihres Lebens immer auf einem der letzten Plätze. Da kann es auch schon mal „passieren „, dass „man“ große Scheiße baut, um wenigstens gesehen zu werden. 

In meinem Büro möchte ich sie sehen,  ohne, dass sie auf sich aufmerksam machen müssen.  Und siehe da, sie öffnen mehr als das Türchen des Adventskalenders,  sie öffnen – wenn das Gespräch gelingt – auch das Türchen ihres Herzens. (Und wenn es nur ein Spalt ist)

6. Dezember (2.Adventssonntag)

Ich greife noch einmal die Tätowierungen wieder auf.

Da gibt es noch die drei Punkte. 

Das Drei-Punkte-Tattoo zwischen Daumen und Zeigefinger erinnert an die Blindenschrift. 

Es sei sofort verraten,  es ist kein Symbol für die Dreifaltigkeit. Das wäre etwas zu dick aufgetragen. Die drei Punkte stehen für:

“Nichts gehört, nichts gesehen und nichts sagen”. Es ein Zeichen, dass man dazugehört, dass man im Knast gewesen ist. Die drei Punkte gehören zum Knastkodex. Gegenüber dem System des Vollzuges soll nichts preis gegeben werden. Leider wird nach der Entlassung die Symbolik bei Bwerbungen oder im Beruf oft zum Problem.

Sie „verraten“ außerhalb des Gefängnisses eben einen doch nicht unerheblichen Teil der Lebensgeschichte dessen,  der sich diese Punkte hat tätowieren lassen. 

Angenommen, meine eigene Lebensgeschichte würde mir unter die Haut tätowiert. Was würde ich mit langeln Ärmeln oder anders definitiv verstecken wollen,  was trüge ich voller Stolz?

5. Dezember (Samstag der ersten Adventswoche)

Wenn wir an Weihnachten sagen: Gott wollte in unserer Haut stecken, darum wurde er Mensch, dann fällt mir die tätowierte Haut unserer Inhaftierten ein. Es gibt Motive, die „knasttypisch“ sind. Wer im Gefängnis ist und gerne ein Tattoo hätte, schraubt seinen Rasierapparat oder seinen CD-Player auseinander, baut den Motor aus, setzt ihn auf einen Kugelschreiber, steckt den Draht des Feuerzeuges hinein und sticht sich damit Russ mit Duschgel unter die Haut. Es ist nicht nur verboten hinter Gittern, auch das Infektionsrisiko ist extrem hoch.

Religiöse Symbole wie das Kreuz oder die betenden Hände Düres sind hoch im Kurs. Kreuze finden sich fast überall: klein und groß oder mit einer Rose verbunden. Rosenkränze oder Bibelverse kommen ebenso vor. Und man könnte sagen: Das ist religiöse Tätowierung.

Was wäre mir so wichtig, dass es mir unter die Haut gehen darf?

4. Dezember (Freitag der ersten Adventswoche)

In einem Kinospot der Kampagne gegen Raubkopierer sind drei Kinder und eine Mutter zu sehen, die vor dem Gefängnis dem darin sitzenden Vater ein Geburtstagsständchen singen. Eines der Kinder fragt, wann der Papa wieder kommt. Die Mutter entgegnet trocken: “Noch viermal singen!”

So humorvoll der Clip auch ist, so schafft er es doch eine ernste Frage in den Focus zu ziehen: Wie geht es eigentlich den Familien der Inhaftierten?

Bei schweren Straftaten weiß ich von vielen Familien, die weggezogen sind, die sich beim Einkauf, beim Arztbesuch oder auch beim ganz normalen Spaziergang beobachtet fühlten. Sie fühlten sich nur noch definiert über die Straftat des Vater, des Mannes, des Sohnes. Das ist doch die Frau von dem Mörder, das sind doch die Kinder von dem Kriminellen, das sind die Eltern von dem, der die Frau vergewaltigt hat.

eine schier untragbare Last. Da hilft oft nur die Flucht nach vorne. Wegziehen, dahin, wo einen keiner kennt. Auch wenn dann die letzten sozialen Bindungen, die tragend sind in dieser schweren Situation, wegbrechen. Manche Familien zerbrechen daran.

In der neuen “Heimat” werden dann die Kinder geimpft, in der Schule bloß nichts zu sagen, und man erfindet Geschichten vom Vater, vom Sohn, vom Ehemann, der seit Jahren in Übersee auf Montage ist. Die Lüge solls dann richten.

Den Männern geht es oft besser, als den Familien. Sie sind in einem Umfeld, indem sie doch weitgehend mit ihrer Straftat akzeptiert sind. Sie sind unter sich. Sie kommen schneller wieder zur Ruhe als die Familie. 

Heute ist das Fest der heiligen Barbara. Der Tradition gemäß stellen einige einen kleinen knospenden Ast in ein Vase. Wenn es klappt, blüht dieser Ast zum Weihnachtsfest. Dieser Zweig symbolisiert die wachsende Hoffnung auf Erlösung. 

Das sind gerade einmal knapp drei Wochen. 

Bis die Familien wieder auf einen grünen Zweig kommen, kann es gefühlte Ewigkeiten dauern.

3. Dezember (Donnerstag der ersten Adventwoche)

heute als Impuls der zweite Teil des Textes von R.

Warum ich in die Gemeinde Jesu Christi aufgenommen werden will.

… Und schon wieder tat Gott nichts – dachte ich.

Das aber ist falsch. Jetzt weiß ich, dass er nie weg war. Er hat darauf gewartet, dass ich von mir aus zu ihm komme …

… mit meinen Sorgen und meinen Macken

… mit allem Schlechten und Guten.

Und egal was ich für einen Blödsinn anstelle –

– er vertraut mir und sagt, dass er mich liebt

wie einen Vater seinen Sohn.

Unter uns gesagt, wäre ich schon mit der Hälfte zufrieden.

Vielleicht tut er manchmal wirklich nichts, außer zu warten.

Auf mich, damit ich seine Hand annehme

und nicht mehr voller Hass und Wut rumlaufe

 – mmmmhhh – wie auch immer.

Heute gestehe ich mir ein,

dass ich eine gute und friedliche Beziehung zu Gott brauche

damit auch ich friedlich und gut sein kann.

Dezember (Mittwoch der ersten Adventwoche)

Oktober 2017 bat mich ein damals 26 jähriger Inhaftierter um die Taufe. Er wollte in die Kirche aufgenommen werden. Sein Anliegen war glaubhaft und unsere Gespräche führten dazu, dass ich tiefen Respekt vor ihm, seiner Geschichte und seiner Bitte entwickelte. ich fragte ihn, ob er den Mut hätte, sich auch vor der ganzen Gemeinde ähnlich äußern könne. Die Gemeinde, das waren seine Mitgefangenen, die, die ihm täglich begegnen, und die oft wenig Verständnis zeigen für öffentliche Glaubensaussagen.

So formulierte er einen Brief, der überschrieben war mit dem Satz: 

Warum ich in die Gemeinde Jesu Christi aufgenommen werden will.

Heute und morgen möchte ich euch sein Schreiben in zwei Schritten vorstellen.

Natürlich habe ich ihn gefragt, ob das für ihn in Ordnung ist. Da er inzwischen Mitglied dieser Broadcastgruppe ist, wird er seinen Text auch selber wieder lesen.

Danke Dir, R. Hier dein Schreiben.

Danke, für Euer Interesse, hier sein Schreiben (1. Teil)

Meine Beziehung zu Gott war – naja- kompliziert.

Ehrlich gesagt gab es eine Zeit wo ich Gott gar nicht gut leiden konnte.

Ich habe ihm Vorwürfe gemacht

 „warum hilfst du mir nicht, wenn ich zu dir bete? – siehst du denn nicht, dass ich klein, schwach und wehrlos bin? – Hörst du mich nicht?“

Und was tat Gott? Er tat nichts.

Ich war ein Pico und dachte mir „ok, Gott, du willst mir nicht helfen, dann geh! Ich bete nie wieder zu dir und ich bitte dich auch um nichts mehr. Ich brauche dich nicht“.

Verletzt traurig, enttäuscht und wütend war ich auf Gott jahrelang, aber ich kann nicht für immer böse auf ihn sein.

Also fing ich wieder an zu beten und das ging immer so: „lieber Gott, falls du mich hörst, bitte beschütze meine Familie, aber um mich brauchst du dich nicht zu kümmern. Lass mich in Ruhe, hilf lieber anderen, die das mehr nötig haben.“

Obwohl mittlerweile viele Jahre vergangen waren, war ich immer noch böse auf Gott. Niemals hätte ich mir die Blöße gegeben und Gott gesagt, dass ich hier gerade am Ertrinken bin in meiner Welt voller Misstrauen, Hass, Neid, Gewalt, Korruption und Gier.

November (Montag der ersten Adventwoche)

Einer spricht seit Monaten nicht. Kein Wort! Ob er sprechen kann? Er soll früher „ganz normal“ gewesen sein. Irgendetwas ist passiert. Seit Wochen beherrscht mich das Gefühl keinen Deut weiter zu kommen mit ihm. Seine Kommunikation besteht darin, kaum erkennbar mit dem Kopf zu nicken, zu schütteln oder den Kopf still  zu halten. Ja-Nein-keine Antwort – interpretiere ich. Manchmal bin ich mir aber nicht sicher. Jeden Tag eine Stunde Schweigen aushalten. Nicht wissen, was er will. Noch schlimmer, nicht zu wissen, was er nicht will.

Ein anderer spricht nur, ohne Ende. Er springt gedanklich von Ast zu Ast. Erzählt alles! Alles? Auch da bin ich mir nicht sicher. Wer viel redet kann auch besser im Wortschwall das verstecken, worüber er nicht reden will. Ich weiß nicht, was sein Thema ist. Der Schwall der Worte steht fast wie eine Mauer vor ihm. Mir dröhnt der Kopf, wenn er bei mir ist. Manchmal ist mir danach laut zu werden, als könnte ich dann besser zu ihm durchdringen. 

Hilflos fühle ich mich bei beiden.

Kündet allen in der Not: Fasset Mut und habt Vertrauen!

Wie denn, wenn ich ständig das Gefühl habe, nicht verstehen zu können und nicht verstanden zu werden?

Erster Adventssonntag

JVA Kirche. ca. 35 Gottesdienstbesucher. Ein paar mehr als sonst, es hat sich herumgesprochen, dass im Anschluss Kerzen verteilt werden. Vielleicht ist es auch die merkwürdige Stimmung innerhalb der Mauer, das Wissen darum, wieder ein Weihnachtsfest ohne Familie im Knast zu verbringen. Diese Stimmung lässt dann doch den einen oder anderen sich auf den Weg in die Kirche machen. Entfliehen. Was oder wem, können vermutlich die Wenigsten sagen. Zunächst sah es so aus, als gäbe es kein Klavierspiel. Aufgrund von Corona sollte nicht mal die Klavierspielerin in die Anstalt.
Der Adventkranz kam in letzter Minute. Auch da sah es so aus, als gäbe es dieses Jahr keinen.
Bei der Kommunion geht mir plötzlich auf, in welche Hände ich da die Hostie lege: die Hand hat eine Frau gewürgt, bis kein Leben mehr in ihr war. Die Hand hat Kinder gestreichelt, mehr als Recht ist. Die Hand hat ein Gesicht zertrümmert.
Jesus ist nicht zimperlich. Er lässt sich in jede der aufgehaltenen Hände legen.
Wer ihn erbittet, der bekommt ihn.
Er ist auf Herbergssuche in diesen Tagen..
Unser Gut-sein oder unser Schlecht-sein scheint kein Kriterium zu sein.

Ich wünsche Euch einen 1. Advent mit der Tuchfühlung zum Guten Geist Gottes.

21. Juli 2020

San Sebastian – 23.15 Uhr

„Todos los pasajeros ahora cambian a los autobuses que van a su ciudad de destino.  „

Ich verstehe kein Wort. Der Fahrer kann mir viel erzählen.  Hat er in den letzten 11 Stunden auch gemacht und es war jedesmal der Hinweis,  dass wir eine kurze Pause machen für die menschlichen Anliegen. Ich blieb also sitzen, hatte kein menschliches Anliegen. 

Es wunderte mich schon, dass ich plötzlich alleine im Bus saß.  Den Fahrer wunderte es auch und er fing an in fließendem Spanisch auf mich einzureden.  Warum nur hatte ich das Gefühl, dass es mich dieses mal sehr wohl etwas anging? Aber ich verstand immer noch nicht. 

Ich wies mit dem Finger auf den Boden des Busses und fragte: Bus – Paris? Und erhielt zugleich die Antwort: nix Paris. Er wies ganz meiner Manier folgend mit seinem Finger auf die Tür und sagte „Paris“ vermutlich sollte ich erst einmal aussteigen, um eine realistische Chance habe nach Paris zu kommen. 

Also raus. 

Draußen ging es vielen Menschen wie mir. Menschen,  die aus anderen Bussen vor die Tür gesetzt worden waren. Egal wen ich ansprach, englisch verstand keiner. Könnte ein Hinweis darauf sein schon Frankreich erreicht zu haben,  aber ich wusste doch im Busterminal von San Sebastian zu sein. Das hatte mir Google Map verraten. 

Nun standen ca 40 Menschen einfach nur rum. Eine gewisse Nervösigkeit hatte die meisten beschlichen. Die anderen wussten vermutlich,  was los war.

Dann kam endlich ein Kümmerer in gelber Tarnweste. Hinter auf dem Rücken stand dick und fett: INTERCAMBIADOR.  Es ist ein WÄRMEAUSTAUSCHER verrät mir Google und ich denke sofort „nein, das will ich nicht!“ Aber er macht trotz aller Hektik unter den Wartenden einen freundlichen Eindruck.  Ich schließe mich der Gruppe an, die ihm das Wort Paris?? oder Päriss?? an den Kopf werfen. Dieses mal nicht nur mit dem Finger gestikulierend, sondern mit dem ganzen Oberkörper. 

Die Schultern werden nach oben gezogen und die Hände in die Luft gestreckt. „Yoga im Busterminal“ denke ich nur. Schade, dass es nicht synchron läuft, könnte nett aussehen. Der Wärmeaustauscher, ein total schlanker Mann (kein Wunder, wenn der jede Nacht so einen Stress hat) benutzt jetzt nur den Finger, zeigt an die Wand und deutet unmissverständlich an, wir sollen uns da an die Wand stellen.  Dann zeigt er mit dem selben Finger auf den Fußboden was ich als „und da bleiben sie erst mal stehen“ interpretiere. Wir Unwissenden brechen unser Yoga ab und stellen uns allesamt brav an die Wand.

Der Wärmeaustauscher verschwindet. Jetzt stehen wir da. Einer älteren Frau wird es zuviel und will sich auf eine kleine Stufe setzen (ich sitze da schon). Sie kommt aber nicht runter. So biete ich ihr meine Hilfe an. Es waren noch zwei Männer von Nöten diese 1,60 Meter große Frau auf den Boden (naja, die Stufe hatte ca. 20 cm) zu setzen. 

Mir schoss durch den Kopf “ dein Vertrauen in Ehren, und wenn wir dir nicht mehr helfen hochzukommen weil der Bus kommt?“

Sie sprach auf spanisch ununterbrochen auf mich ein. Mein „no espanol“ interessierte sie nicht wirklich.

Irgendwann gab sie auf. Ruhe war. In der Zwischenzeit erschien der Wärmeaustauscher wieder und als er sah, dass die meisten noch an der Wand standen und zwei Menschen auf dieser kleinen Stufe saßen, die eigentlich die Busbucht vom Fußvolk trennt, war er zufrieden und telefonierte fleißig vor sich hin. Ich notierte mir nur, wenn er telefoniert macht er auch Yoga: Schultern hoch und runter und auch die freie Hand zum Himmel und um sich weisend. 

Der letzte Bus im Terminal war inzwischen abgefahren.  Aber er, der Wärmeaustauscher strahlte mit seinen 1,70 Meter Größe und einer Kleidergröße von 38 soviel Autorität aus, dass wir immer noch brav stehen, bzw sitzen blieben. 

Dann fuhr ein Bus ein. Die Menschenansammlung wurde merklich unruhig. Die Frau, die bis dato brav auf ihrer 20 cm Stufe saß,  auf die wir sie zu dritt gehieft hatten, schaute sich zunächst irritiert um, fing dann an mit den Armen zu rudern „du hast keine Chance da alleie hoch zu kommen“ dachte ich. Stand dann selber auf, griff ihr unter die Arme. Aber auch dieses mal reichte ich nicht. Ihr Bodymaßindex war unvorteilhaft für diese Aufstehübung. Wieder waren zwei weitere Personen notwendig, sie aufzurichten. Als sie stand verschwand sie ohne Worte mit ihrem Rollköfferchen. Merkte dann aber wohl, dass sie gar nicht wusste, wohin sie denn sollte,  zwei weitere Busse waren ins Terminal gefahren. Sie ruderte zurück. Der Wärmeaustauscher stand genau zur Stelle und wies uns an – mit Hilfe seines Fingers – wir mögen zu dem Bus gehen, auf den er zeigte.

Die Reihe an der Wand wurde zur Weintraube am Bus. Ticketkontrolle. Einer war dabei, der hätte sich besser nicht mit in unsere Reihe gestellt, der Herdentrieb hatte ihn angelockt und Sicherheit gegeben.  So war sein Bus schon abgefahren. Der Wärmeaustauscher erwies sich erneut als Kümmerer. Telefon. Yoga und der Irrläufer stieg in unseren Bus (wird später an einer Tankstelle einem anderen Bus übergeben).

Wir stiegen alle ein und fragten uns,  woher der Kümmerer diesen Bus denn aufgetrieben hatte.  Ungeputzt und nach fünf Minuten bis auf den letzten Platz besetzt. Ein Fernseher läuft und zeigt uns irgendeinen Ballerfilm. Wir gucken aber nicht hin. Wir stehen noch. Ganze Dramen spielen sich ab. Pärchen werden getrennt auf die Plätze positioniert und Einzelfahrer erhoffen die anderen täuschen zu können,  indem sie ihr „Handgepäck“ auf den Nachbarsitz stellen. Das haben die nun davon. Jetzt stehen die 10 kilo Handgepäck auf ihrem Schoß. 

Eine Frau dreht durch. Schreit in einer mir unverständlichen Sprache wild durch die Gegend. Sie findet damit auch kein Ende. Schreit Mitreisende an. Ich sitze zum Glück in sicherer Entfernung. Mein „no espanol“ hätte sie vermutlich eher handgreiflich werden lassen als beruhigt.

Der Fahrer weigert sich zu fahren solange die Frau tobt. Interessiert sie nicht.

Zum Glück kümmern sich dann andere. Eigentlich sogar sehr viele,  was auf mich keinen sehr deeskalierenden Eindruck macht. Krisenintervention sieht anders aus.  „Wir kommen hier nie weg“ dachte ich nur, als die Hälfte der Belegschaft sich lauthals um die Frau kümmert. Die andere Hälfte ist – wie ich – vermutlich der Sprache nicht mächtig.

Plötzlich ist Ruhe. Ganz plötzlich. Mir vollkommen unverständlich.  Ich sollte meinen Kriseninterventionsansatz noch einmal überdenken. Die Türen schließen und der Fahrer fährt los. Ich versuche jetzt erst einmal zu schlafen.