11. Juli 2020 von SHAGUN nach MANSILLAS DE LAS MULAS – 45,1 km

Inzwischen ist es 11.30 Uhr. Nachdem ich heute morgen um 6:30 Uhr die Herberge verlassen hatte, stand ich nach circa 5 km vor dem Problem mich entscheiden zu müssen . Es gab eine alternative Route des Jakobweges . 3 km länger durch die Pampa keine Dörfer. Oder die HauptRoute entlang der Straße gelegentlich ein Dorf und die Möglichkeit regelmäßig einen Kaffee zu trinken. Ich hatte im Rucksack 3,6 Liter Flüssigkeit, zwei Scheiben Käse, eine Banane. Das sollte reichen für 32 km Pampa.

Jetzt sitze ich in derselben (Pampa) und habe endlich einen Baum gefunden, der ein wenig Schatten spendet. 10 km sind jetzt absolviert. Mal sehen was der Tag noch so bringt. Banane und Käse ist weg. Getränke nur noch die Hälfte da.

12.35 Uhr

Das war gar nicht lustig….

Endlich gab es am Horizont der Pampa einen Lichtblick.  Ein Wäldchen. In mir wuchs gewaltig die Lust auf Schatten und in diesem Wäldchen sollte genug davon sein. Einer der vielen künstlichen kleinen Kanäle führte dorthin und erklärte diese wunderbare Oase. Als ich direkt davor stand, stand mir zugleich der Mund offen.  Das Wäldchen war eingezäunt. Elektrisch gesichert. Pilgerhasser, schoss es mir durch den Kopf und da ich weit und breit kein Lebewesen sah, überstieg ich den Zaun und machte es mir im Schatten bequem. Aber die Frage im Kopf: Warum der Zaun? ließ mich nicht los. Ich schloss die Augen und philosophierte darüber. 

Aber nur kurz, ich hatte etwas gehört. Als ich mich umblickte sah ich großgehörnte Vierbeiner die sich für mich zu interessieren schienen. Ich nahm mir nicht die Zeit zu ergründen, ob es Stiere, Ochsen oder sonst welche Rindviecher waren. Plötzlich war ich trotz der stundenlangen Tortur sehr schnell, mit Rucksack.

Den Zaun erreichte ich, bevor die Rinder mich erreichten. 

Jetzt betrinke ich mein Glück mit einem alkoholfreien Bier, denn sehr plötzlich war auch die Pampa an ihr Ende gekommen und ich sitze in einer Bar 7 km vor dem Ziel. 

15.45 Uhr

Darstellung des Herrn, und ich bin mittendrin. Mir zur Seite steht der heilige Juan von Hacia, der für gewöhnlich in der Kathedrale von Segivia wacht. Nicht zuletzt gesellt sich Lautenspielend König David zu unserer Runde.

Nicht kleckern, sondern klotzen habe ich mir für die Nacht von Samstag auf Sonntag gedacht, und wenn das mit dem weniger laufen heute bei stattlichen 42,66 km nicht ganz geklappt hat,  das Klotzen funktioniert. Ich gönne mir ein Hotelzimmer. Mitten im Ort Mansillas de las Mulas. 

Mein Bett ein Himmelbett. Über diesem die erwähnte Darstellung des Herrn, rechts von mir San Juan und links König David. Ich mittendrin kann jeder so interpretieren wie es ihm recht ist. Kalenderblätter wären mir auch lieber als in einer Kapelle zu schlafen.

Zahle ich sonst in den Herbergen zwischen 6 und 12 Euro, holte ich heute 38 Euro aus dem Säckerl. An der Rezeption war man sich nicht einig, ob das Frühstück incluse sei. Ich habe argumentativ nachgeholfen und bekomme um 7.00 Uhr morgen früh ein breakfast incluse. 7.00 Uhr, das heißt auch ausschlafen. 

Ab Montag sieht die Welt dann wieder anders aus.

19.30 Uhr 

Ich soll die Saison retten. Angeboten wurde mir zum Dinner, was die Küche bevorratete. Ich entschied mich für ein Glas Wein, sie brachte eine Flasche.  Rechtzeitig machte ich sie noch auf das „Missverständnis“ aufmerksam. Ich orderte einen kleinen Salat, es kam eine Schüssel mit Blattsalat und zwei Stangen Spargel obendrauf, der sicher den Preis nach oben treiben wird. 

Ich bestellte Tortilla und bekam das, was ich mir täglich im Supermarkt kaufe. Bin gespannt,  wie hoch die Rettung der Saison veranschlagt wird.

12 € – vollkommen ok 

ich leiste Abbitte ob meiner Lästerungen.

20.30 Uhr

Gut, dass die Damen zwischen 70 und 80 Jahren noch ihre Verantwortung für die Weltenrettung erkennen und ernst nehmen.  So geschehen heute Abend in der Eglesia Santa Maria. Die Sitzplätze waren eindeutig mit einem sentarse aqui gekennzeichnet. Mein Popo war leicht verrutscht, vielleicht um die 50 cm. Das war der Weltenretterin aufgefallen und ergoss viele spanische Worte über mich, die ich zwar nicht verstand, aber denen ich dennoch folgte, da sie auch mit Händen und Armen sprach. Sie wies mir quasi schon den rechten Weg, in meinem Fall die richtige Po-sitz-ion. 

Der Wein wirkte, und das Bier. Ob es die richtige Entscheidung war noch die Messfeier zu besuchen? Sicherlich. 

Jetzt liege ich angeschwipst unter der Darstellung des Herrn. König David wird keine Probleme damit haben, er selbst tanzte nackt vor dem Volk, weil er zu tief ins Glas geschaut hatte. Dieser San Juan ist mir fremd. Er hält sowieso schon seine Hand an die Wange,  als sei er leicht entsetzt.

Morgen ist auch noch ein Tag. Gute Nacht.

10. Juli 2020 von COREON DES LOS CONDES nach SHAGUN – 48,6 km

Um 9.00 Uhr erreichte ich nach 18 km immer Geradeauslaufen das verschlafene Nest Calzadilla de la Cueza. Hier hatte ich auf eine Bar gehofft, aber hier ist nichts. Die Türen sind alle verrammelt.

Ok, mache ich Pause im Dorfpark, indem mir das Gras inzwischen bis an die Knie wächst. Auf den asphaltierten Flächen versteht sich. Irgendwo brummt ein Trecker. Es gibt also Lebewesen hier. Ok, ich habe noch Brot und Käse dabei. Gleich geht es dann weiter. Geplant habe ich heute bis Shagun zu laufen, das wäre irgendwo zwischen 40 und 50 km.

Mauro fehlt mir. Auch wenn wir morgens viel geschwiegen haben. Zu zweit Schweigen schweigt es sich anders als allein. 

10.55 Uhr

Nach 27 km endlich eine Bar, die mir einen Cafe con leche en el baso verkauft.  Ob das so richtig ist, weiß  ich nicht, aber ich bekomme,  was ich möchte, einen Kaffee mit Milch im Glas.

Die Landschaft ist nicht der Brüller. Meseta eben,  das Hochland ohne Schatten und Getreidefelder soweit das Auge reicht.

Wüsste gerne, wie weit es noch bis Santiago ist, aber die Angaben liegen weit auseinander. Meine App sagt 381,4 km. Am Hinweisschild lese ich 373,9 km. Vor ca 10 Minuten gab es ein Hinweisschild für Pilger, das mit 405 km bei weitem die größte Distanz angab.

Letztendlich egal, ich komme der Kathedrale von Santiago de Compostela mit jedem Schritt näher.

Meine Stimmung ist heute so lala. Wunderte mich über meinen Ärger, als im ersten Dorf nach 18 km die Bar geschlossen hatte. In jedem Fall stand der Ärger in keinem Verhältnis zur Tatsache.

15.30 Uhr

Erreichte ich Shagun und die Albergue de las Madres Benedictinas. Ordensbrüder betreiben die Herberge und wenngleich diese Unterkunft coronabedingt die einzige in der Stadt ist, sind sie mit 6 Euro für die Übernachtung zufrieden. Bei der Begrüßung spürte ich noch die Verunsicherung der Padres. Es war der erste Öffnungstag „nach“ Corona. Sie wollten nichts falsch machen und so wurden Schuhe und Rucksack vom oben bis unten besprüht und in separate Tüten verpackt. Mir wurde Fieber gemessen und es gab eine ganze Latte von Verhaltensregeln.

Der Weg strengte mich heute nicht an, wenngleich meine Samsung Health App 46 km angibt. 

Auf dem Weg habe ich nicht einen Pilger getroffen. Gestern in der Herberge waren wir zu viert. Heute zähle ich drei Pilger.

Werde mir jetzt etwas zum Essen kaufen.

9. Juli 2020 von CATROJERIZ nach COREON DES LOS CONDES – 56,8 km

14.35 Uhr

20 km hat sich Mauro noch mit seinem entzündeten Unterschenkel die Hügel hoch und runter geschleppt. Ich hatte schon etliches aus seinem Rucksack in meinen gepackt. Geholfen hat es nicht wirklich.  Er wurde immer langsamer und als er länger als eine Stunde kein Foto mehr geschossen hat, wusste ich, es ging ihm richtig schlecht. Wir beschlossen in Boadillo del Camino ein Taxi zu ordern, dass ihn zum Bahnhof nach Formista bringt. Gesagt getan. Als ich eine Stunde später in Formista ankam, saß er schon am Bahnhof. Nach herzlicher Verabschiedung und der beiderseitigen Beteuerung sich wieder sehen zu wollen war der Abschied vollzogen.  

Die Strecke verlief seit Formista immer über einen geschotterten Weg an der Straße entlang. Inzwischen über 15 km. Natürlich ohne Schatten spendendem Baum. Sehr öde. Noch 6 km bis Carrion los Condes. Dann zeigt meine App wieder über 50 km an. Die Routenführung im Guide spricht von 45 km. Irgendwo dazwischen liegt die Wahrheit. 

Fotos habe ich seit heute morgen keine mehr gemacht, möchte nur noch ankommen.

8. Juli 2020 von RABE DE LAS CALZADASnach CASTROJERIZ – 38,5 km

Die Kirchturmuhr in Rabe de la Calzadas gab nachts Ruhe. Die Elektrik war abgeschaltet. Ansonsten ertönte alle 15 Minuten aus großen Lautsprechern der Viertelstundenschlag. Gegen 22.00 verstummte dieser Fake.

Um 6.00 Uhr gings wieder los, aber da frühstückten wir bereits. Die Herbergsmutti hatte schon gestern Abend den Frühstückstisch für uns zwei gedeckt. Inclusiv den Kaffee gekocht, den wir uns in der Mikrowelle heiß machten. Das Brot kam in den Toaster und das Tetrapak Orangensaft hatte Zimmertemperatur. Plastikverpackter Kuchen. Ein gutes spanisches Frühstück.

11.30 Uhr

Die Meseta kann mörderisch sein, heute meinte sie es gut mit uns. Leichte Schleierwolken zogen vor die Sonne, ein angenehmer Wind kühlte bisher. Der Blick fängt über Stunden nur Getreidefelder ein und der Weg schlängelt sich hoch und runter ohne Unterlass bis zum Horizont.

Von einer Minute auf die andere fängt das Auge einen kleinen Ort ein. Versteckt in einer Mulde der Landschaft liegt Hontanas und schlummert. 

Hier genossen wir zunächst eine liebevoll gestaltete Kirche, in der Taizegesänge den 

Raum füllen. Jetzt trinken wir vor der Herberge eine Cola bevor am Nachmittag wieder nur Getreidefelder sehen werden.

14.45 Uhr

 Was ist mit den jungen Männern los ? Kaum, dass wir wieder zusammen laufen, bekommt Mauro Schwierigkeiten mit seinem Fuß. Einer seiner Füße ist angeschwollen . Darum sind wir jetzt nach 34 km in Castrojeriz in einer Herberge abgestiegen . Ein nettes altes Gebäude das sehr viel Charme ausströmt. Allein das ganze Gebälk , an dem man sich Schritt für Schritt den Kopf stoßen kann, ist ein optisches Highlight . Des Nachts sieht man dann sogar die Sterne, wenn man dieses Highlight missachtet. 

Wir haben gleich das Abendessen hier bestellt, damit er mit seinem Fuß nicht mehr vor die Tür muss. Morgen, ob er will oder nicht, muss er 26 km laufen, da wir in Formista gegen Mittag seinen Zug nach Santiago erreichen müssen. Das heißt, wir werden hier schon gegen 4 Uhr in der Frühe aufbrechen. Darauf freue ich mich, denn es wird definitiv nicht heiß sein.

Ich mache mich jetzt noch auf zur Bank denn mein Geld neigt sich dem Ende zu. Was besser ist, als wenn ich mich dem Ende zuneigte.

17.15 Uhr

Mauro macht – meiner Schätzung nach – täglich weit mehr als einhundert Fotos.  Ich fragte ihn, wie er zu Hause mit den unmengen Fotos umgeht. Er sagte, er sehe sich alle sehr genau an. Sortiere 100 aus, die er seinem Auftraggeber vorlege. Dieser habe 20 Fotos bestellt.  Demnach suche dieser sich 20 Bilder aus, die er für die Story als geeignet ansieht.  

Ich war baff. Diese ganze Arbeit für 20 Fotos. 

Gehe ich eigentlich auch so mit meinen Worten um, fragte ich mich, oder haue ich immer alle raus, soll der andere doch sehen, wie er damit klar kommt?

20.45 Uhr

Es regnet in Strömen. Gut so. Ich genieße schon das Geräusch des Regens,  der auf das Dach der Herberge prasselt. Es passte einfach alles, der Regen kühlte die Luft, wir saßen auf der überdachten Terrasse der Herberge beim Abendessen und tranken Rotwein. Nerija und Antonio aus Barcelona gesellten sich dazu. Es war eine tolle Atmosphäre und die Chemie stimmte. Ein kleiner Wermutstropfen,  Mauro und ich stehen heute um 3.45 Uhr auf, da wir gegen 4.00 Uhr loslaufen wollen. Sein Zug in Formista fährt gegen Mittag. Klar, dass ich ihn bis zum Bahnhof begleite. Wenn das Wetter mitspielt laufe ich weiter, möchte auf minimum 35 km kommen. 

Werde ihn vermissen.  

Ein Deutscher kam heute auch hier in die Herberge. Ihn werde ich weniger vermissen,  dabei kann ich es nicht festmachen, aber die Chemie ist nicht passend. Ob ich ihm damit gerecht werde? Keine Ahnung, sicher nicht. Aber über Wertschätzung und Respekt hinaus muss ich ihm auch nicht gerecht werden. 

Gute Nacht!🤗

7. Juli 2020 von AGÈS nach RABE DE LA CALZADAS – 45,5 km

9.34 Uhr

Gestern Abend schon hatte Mauro eine Sprachnachricht geschickt in der er mir mitteilte, er würde in Burgos auf mich warten, wir könnten zusammen Mittag essen und dann weiterlaufen. Der Gedanke gefiel mir. Bis Burgos von Agres aus waren es aber noch 23 km. So lief ich heute um 6.30 Uhr los und bin gerade 7 km vor Burgos. 

Das Wetter ist angenehm frisch und sonnig, so, dass ich mir jetzt in der Kaffeepause an der vierspurigen Einfahrstraße nach Burgos eine Jacke anziehen musste. Ohrstöpsel wären auch nicht schlecht, denn die Ruhe der letzten Tage werde ich sicherlich für die nächsten 7 km vermissen. 

11.45 Uhr

Als Tagesgetränk (neben Kaffee) habe ich für mich das alkoholfreie Bier entdeckt. Jetzt, nach 26 km, schmeckt es mir hervorragend. So genieße ich den Blick auf die Kathedrale von Burgos, die mich schon 2008 und 2009 beeindruckt hat. Heute werde ich nicht hineingehen,  das Sitzen vor ihr gefällt mir besser, als das Laufen in ihr. Mauro ist noch drinnen und fotografiert. Werde mir die Bilder anschauen, das soll 2020 genügen. 

Tragen auf dem Land viele Menschen auch draußen eine Maske, sind es hier in der Stadt fast alle. Kaum eine/r, mit Ausnahme der Kinder, die keine trägt. Solange ich laufe nehme ich mir die Freiheit keine aufzusetzen, bei Kontakten oder im Haus trage ich selbstverständlich auch eine.

18.05 Uhr

Heute bin ich geschlaucht. Nach Burgos erahnt man schon die spanische Meseta.

Das über 200.000 km² große kastilische Hochland, das keinen Schatten bietet, kaum Wasserstellen kennt und sich durch tropische Temperaturen im Sommer auszeichnet. Bei der letzten Rast lief in der Bar der Fernseher und in diesem der Wetterbericht.  Da sah ich nur Temperaturen über 35 Grad für die nächsten Tage. Grausam. Heute reichten mir die 44 km um mich vollkommen k.o. zu machen. Zum Glück war ich nicht allein. Mauro und ich schwiegen uns in der Hitze weitgehend an. Er war heute fitter, aber kein Wunder, er lief nur die 15 Kilometer von Burgos aus. Da hatte ich schon über 25 km runtergelaufen. 

Die Herberge jetzt ist ok. Der Ort Rabe de las Calzadas. Würde man mit dem Auto reinfahren, müsste man schon am Ortseingangsschild bremsen,  um nicht sofort schon wieder raus zu sein. 

Da ich mich in Burgos an dem schwarzen Gewürm (was sehr lecker war) überessen habe, brauche ich heute kein Dinner, nur Bier. 

Mauro sieht das ähnlich,  tolles Gespann. 

6. Juli 2020von GRAÑÒNnach AGÈS – 51,9 km

Am Morgen werde ich Mauro vermissen.  Nach dem Weckerklingeln murmeln wir ein unverständliches „good morning“ danach kein Wort mehr.  Bis zum ersten Kaffee herrscht Schweigen. Nach der ersten Tasse heute morgen fragte ich ihn etwas, worauf ich nur erfuhr er sei noch nicht hochgefahren. Weiter schweigen.

Ideale Welt. Inzwischen quatschen wir uns die Ohren voll. Warten auf seinen Bus, nachdem wir 15 km gelaufen sind.  Nach Christina und Luca verabschiede ich ihn. Von Christina habe ich nichts mehr gehört oder gesehen. Dass sie auf whattsapp nicht antwortet wundert mich nicht, sie will sich auf dem Weg der Elektronik enthalten.  Luca ist weit voraus mit seinem Rad. Auch das wundert mich nicht, die Strecke war nahezu flach aus der Sicht eines Mountainbikers.

Da gab es Interesse an den Hühnern in der Kathedrale.  Hier die Lösung:

Das sogenannte Hühnerwunder von Santo Domingo de la Calzada ist eine eng mit dem Jakobsweg verbundene Legende.

Zur Hochzeit der Wallfahrt nach Santiago de Compostela soll eine Pilgerfamilie aus Xanten nach Santo Domingo de la Calzada gekommen sein. Sie übernachteten in einem Wirtshaus.

Die Wirtstochter fand den Sohn der Familie sehr attraktiv, der – fromm und keusch – ihr Angebot aber zurückwies. Die Zuneigung der Wirtstochter wandelte sich in bösen Zorn, sie sann auf Rache und versteckte einen Silberbecher in seinem Gepäck.

Der Wirt bemerkte am Folgetag den Verlust und schickte die Stadtbüttel aus, die auch schnell fanden, was sie suchten. Der junge Mann wurde nach kurzem Prozess aufgehängt und die Eltern zogen traurigen Herzens weiter nach Santiago.

Auf dem Rückweg kamen sie wieder an der Richtstatt vorbei, wo sie ihr Sohn ansprach, dass er gar nicht tot sei, weil ihn (Version 1) Santiago bzw. (Version 2) Santo Domingo gehalten habe. Die Eltern liefen daraufhin zum Richter, der vor einem Teller gebratener Hühner saß, und berichteten das Vorgefallene. Der Richter antwortete, dass ihr Sohn so tot sei wie die beiden Hühner vor ihm, worauf diese sich erhoben und davonflatterten. Nun wurde der Sohn ab- und die Wirtstochter aufgehängt, die Familie zog weiter nach Hause.

17.30 Uhr

… geplant war es anders, aber das ist ja meistens so…

Laufen wollte ich von Grañón nach San Juan de Ortega, das wären ein paar Kilometer über 40 gewesen.  In San Juan de Ortega war aber die Herberge voll (kann ich kaum glauben, da ich den ganzen Tag über nur drei Pilger gesehen habe.) Somit weiterlaufen.  Bin jetzt am Weg nach Burgos in einer privaten Unterkunft gelandet und meine Tachomaschine zeigt 49,99 km an….gut so, denn ich hatte mir auch vorgenommen unter 50 km zu bleiben.  Somit ist der Part überdeutlich erfüllt.

Unterwegs traf ich Wolfgang, mitte 50, aus der Nähe von Freiburg. Er ist insofern mutig, als da er kein Englisch oder eine andere Sprache als Deutsch spricht.  Ich stelle es mir einsam vor. Ab dem Moment, als er erfuhr, dass ich Pfarrer bin ahnte ich sehr bald, dass auch ich nicht bereit bin, etwas an seiner von mir vermuteten Einsamkeit zu ändern. Er arbeitet in seiner Kirchengemeinde als Lektor,  Kommunionhelfer und ehrenamtlicher Küster, ist im Gemeinderat und diversen Ausschüssen tätig. Seine Frau ist Pfarrsekretärin und ab diesem Moment habe ich abgeschaltet. Bin noch ein paar Kilometer mitgelaufen und habe mich dann beim Thema Zölibat (oder war es Kirchenfusionen?) verabschiedet. 

Ich bleibe dabei, er war sehr nett, aber mit seinem neuen Wissen um mich, glaubte ich zu spüren,  dass er sich auch nicht mehr so frei fühlte und suchte ständig Themen, von denen er glaubte, dass ich mich darüber unterhalten wollte. Da bekam ich ihn auch nicht mehr raus.

Jetzt erst mal lecker Essen und Trinken. 

19.05 Uhr

Gar nicht so einfach in einem sehr kleinen Kaff wie Ages es ist,  „lecker Essen und Trinken „

In der ersten Bar habe ich die Tortillavorräte alle verspeist. Jetzt sitze ich in der zweiten Bar…..hier gibt es noch etwas…🤗

Zudem stelle ich fest, Bier muss sehr gesund sein, es tut mir nach 50 km unendlich gut….🤗

5. Juli 2020von NEJERAnach GRAÑÓN – 39,3 km

Sonntagmorgen.  

Die Spanier machten die Nacht zum Tag. Direkt unter unserem Schlafzimmerfenster. Noch im 4.30 Uhr wurde lautstark der Plan zur Rettung der Welt besprochen.  Meine Welt wurde trostloser, da ich nicht in den Schlaf kam. 

7.00 Uhr starteten Mauro und ich in den Tag. Das Packen des Rucksacks am Morgen ist zur Routine geworden und gelingt mir auch vor dem ersten Kaffee.

16.45 Uhr

Najeras – Grañón = 36 km + ein wenig weiteres Rumgelaufe =39,3 km über den Tag verteilt.

Real müsste der Weg um die 30 km sein. Da Mauro aber hier nicht seinen Urlaub verbringt, sondern als Fotograf unterwegs ist, der eine Geschichte fotografiert,  machen wir so manchen Abstecher in Kirchen, zu Monumenten oder Kulturdenkmälern. Ganz am Rande renne ich also nicht nur durch die Gegend, sondern tue auch noch etwas für meine Bildung. Wir nutzen die Synergieeffekte, indem ich ihm noch Details nennen kann, wenn es um Kirchen geht.

Die Chemie stimmt und es könnte Tage so weitergehen. Doch morgen trennen wir uns, da er mit dem Bus einige Etappen zurücklegen muss, um dann an anderen  Orten zu laufen. Laufe dann alleine weiter, er hat unser gemeinsames Laufen schon einen Tag verlängert. 

Die Herberge ist schnuckelig und die Herbergsmutti kocht heute für uns.  Übernachten, Abendessen und Frühstück ist uns pro Person 20 € wert.

4. Juli 2020von LOGROÑJOnach NEJERA – 43,5 km

7.00 Uhr gestartet. Den Schlaf gönnte ich mir. Luca war erst nach Mitternacht in die Herberge zurückgekehrt. Bin froh nicht mitgegangen zu sein. Wer weiß, ob ich heute hätte laufen können. 

30 km sind geplant. 14 sind schon geschafft, dabei ist es gerade mal 10 Uhr. Was mache ich nur in einem Kaff den ganzen Tag? Vielleicht doch weiterlaufen?

Auf dem Weg lernte ich heute morgen Mauro kennen. Ein Berufsfotograf,  der mit 2 kg Kamera einen Fotobericht zum Thema „der Camino nach Covid“ verfasst.  Netter Kerl, nicht nur, weil er mich zum Kaffee eingeladen hat. 

16.30 Uhr

Azofra war geplant.  Aber da hatten alle Herbergen geschlossen.  Somit bleiben wir in Nàjera. Da Mauro und ich mich – im Gespräch vertieft – verlaufen hatten und somit eine ganze Zeit in die falsche Richtung liefen, mussten wir auch nicht mehr bis in die nächste Stadt laufen sondern kamen auch so auf 39 km, um von Logroño nach Nàjera zu kommen. 

Mauro ist ein spannender Typ. Zum einen ist er Fotograf und arbeitet für Hochglanzmagazine an Naturfotographie oder auch Fotogeschichten. Seine nächste Aufgabe findet er in Lateinamerika. 

Zum anderen arbeitet er im Gebirge und unterirdisch als Vermesser. Da es seine Firma ist, kann er beides kombinieren. 

Wenn wir nicht auf Englisch ausweichen müssten, würden wir ununterbrochen reden. Unser Englisch ist gleich gut/gleich schlecht.  

Morgen laufen wir weiter zusammen 

3. Juli 2020von ESTELLAnach LOGROÑGO – 58,3 km

Ich werde fast täglich vor dem Weckerklingeln wach und die erste Übung besteht darin den Rucksack und alles andere so leise es geht vor die Tür zu schaffen,  damit ich in Ruhe packen kann. Etliches im Rucksack habe ich noch nicht gebraucht und werde es auch wohl nicht gebrauchen. Da ich nicht wusste, ob die Herbergen geöffnet haben,  hatte ich das Zelt eingepackt. Auch eine zweite kurze Hose trage ich nur durch die Gegend. Dann ist da noch der Schirm, den ich beim Rucksackpacken gar nicht bemerkt hatte und somit unentdeckt in der Seitentasche schlummerte. Alles Dinge, die ich bei Gelegenheit nach Hause schicken werde, sobald ich eine geöffnete Post finde.

12.25 Uhr

Noch 21 km bis zum Ziel.  

Ich vermisse die Pilger. In den Herbergen sind die Selbstverpflegungsküchen wegen Corona gesperrt. Zudem ist kaum einer unterwegs. In den größeren Städten hat jeweils eine Herberge geöffnet, und selbst da herrscht kein Platzmangel.

Luca hält mir die Treue und ich freue mich jedes mal über den kurzen Plausch,  wenn er mich überholt. Er auf dem Mountainbike und ich mit meinen Teleskopstöcken. 

Heute morgen versprach er mir ein Bett in Logroño zu reservieren.  Das wird wahrscheinlich nicht nötig sein, aber es war lieb mitgedacht. Wir werden relativ sicher zusammen etwas essen und trinken gehen. 

18.25 Uhr 

Geduscht und die Wäsche gewaschen,  demnach muss ich ca. eine Stunde hier sein. 

Wegen Bauarbeiten war die Brücke nach Logroño gesperrt, also hieß es „Umweg laufen“ zudem war die einzige offene Herberge (laut Auskunft Pilgerbüro St Jean Pied de Port) geschlossen und eine , die als geschlossen galt, hatte geöffnet. Das hatte mir Luca zuvor mitgeteilt und da für mich reserviert (wir sind noch die einzigen Pilger).

Estella bis Logroño >> 54 km

Für die nächsten Tage sollte ich mal zurückschrauben,  denn es ist ziemlich warm. Aber Spaß macht es und die Füße mucken in keiner Weise. 

Gleich schaue ich mir die Stadt an.  Dann essen, essen, essen und die adäquate Menge trinken. 

2. Juli 2020von PAMPLONAnach ESTELLA – 54,6 KM

5.50 Uhr 

Die schwere alte Kirchentür aus massivem Holz lies sich nur schwer öffnen.  Die eisernen Riegel wollten nicht sofort nachgeben. Es brauchte Kraft. Dann endlich konnte ich die Tür mit viel Ächzen und Knarren bewegen. War ich beim Rucksackpacken noch extrem leise gewesen,  spätestens jetzt dürfte ich die ersten Pilger geweckt haben. 

Um nicht noch mehr Lärm zu machen lies ich die Tür einen Spalt offen stehen. Als erster Pilger hatte ich die Herberge verlassen und lief durch die menschenleeren Straßen Pamplonas.

11.05 Uhr Puerto la Reina

Zu früh, um daran zu denken hier zu bleiben. 25 km bin ich gelaufen.  Heute allein. Ob ich Christina aus Köln wiedersehe? Auf dem Camino eher nicht. Samuel aus St. Gallen hat verlauten lassen,  er breche ab. Das belgische Ehepaar hatte gestern schon eine Taxifahrt eingeschoben. Adam aus Schottland werde ich vielleicht wiedersehen,  er läuft auch weitere Distanzen und ist fit drauf. Und dann ist da noch Luca aus Frankreich, der mit dem Rad unterwegs ist. Ihn habe ich bei einer Pause überholt. Wir sehen uns sicher noch mal. 

Der Weg ist zur Zeit definitiv männlich dominiert. Nur wenige Frauen fallen mir ein, die ich sah. 

Jetzt mache ich erst einmal Mittagspause und dann sehe ich weiter. 

17.30 Uhr  

Kurz vor Estella liegt eine nette Herberge. Ich hatte mich für die städtische entschieden (10€ / Nacht ist ein Argument). In Estella stelle ich jedoch fest alle Herbergen haben noch geschlossen. Mir blieb nichts anderes übrig als 1,5 km zurück zu laufen.  Gesagt getan. Für 15 € erhalte ich den Schlüssel für das 4 Bett-Zimmer.

Wer liegt da im Bett? Das t-shirt jedenfalls kenne ich. LUCA aus Frankreich. 

Er wollte 80 km fahren,  aber es ging durch die Berge (für mich auch 🤔).

Jetzt Wäsche waschen und Stadt ansehen,  Essen + Bier trinken. 

21.15 Uhr

Luca (Frankreich), Miguel (Malaga) und ich schlenderten noch durch die Stadt, aßen und tranken. Mich hielt es nicht lange, das Bett zog mich magisch an. 

Wir haben uns für morgen in Logrono verabredet. Der Haken,  es sind wieder 50 km. Wenn das Wetter nicht zu extrem heiß ist,  lasse ich mich darauf ein.