16. Dezember (Mittwoch der 3. Adventswoche)

nachdem ich die Pforte des Gefängnisses erreicht habe, muss ich bis zu meinem Büro neun schwere Stahltüren auf- und wieder zuschließen. An das Geräusch des Knochens (wie der Schlüssel seiner Form wegen hier im Knast heißt) habe ich mich gewöhnt. Will ich von meinem Büro zu einem Haftraum liegen wieder ungezählte Stahltüren vor mir. “Mal eben” geht bei uns nichts. Öffne ich die Haftraumtür, versuche ich sie behutsam zu öffnen. Hinter der Tür – so weiß ich – fühlen sich viele Inhaftierte unwohl, wenn der Schlüssel als Machtinsignium gebraucht wird. Der Schlüssel drückt Macht aus. Lautes kräftiges schließen drückt eine Botschaft aus. Ebenso das bewusst leise schließen. Der Schlüssel steht bei vielen für die Freiheit. Wer den Schlüssel hat, ist frei. Mit der Art und Weise wie ich eine Zellentür aufschließe kann ich die Stimmung dessen beeinflussen, der hinter der Tür lebt. Ich kann ihm das Gefühl geben machtlos zu sein (alle Macht liegt bei mir) oder ich kann mit meiner Art zu schließen ihm schon signalisieren, dass ich ihn respektiere. 

Ohne sich gesehen oder gesprochen zu haben kann die Chemie zwischen dem Inhaftieren und dem Schlüsselträger schon verdorben sein. Oder, wenn es gut läuft, freut sich der Gefangene, dass die Tür aufgeht.

Vielleicht betritt Gott diese Welt deshalb auf den Füßen eines Kindes. 

15. Dezember (Dienstag der 3. Adventswoche)

Anruf eines Bereichsleiters an mich: Von Herrn T. ist die Mutter gestorben. Sagst du es ihm?

Als der Anruf kam war ich mitten im Gespräch mit einem anderen Gefangenen. Ok, das kann ich abbrechen, dachte ich mir, aber will ich das? Immerhin habe ich eine schwierige Botschaft zu bringen, ohne Ahnung, wie der Inhaftierte reagiert. Routine habe ich darin nicht. Dabei kommt es leider häufig vor, dass ich einem Gefangen den Tod eines nahestehenden Menschen mitteilen muss. 

Ich will es nicht! Habe ich beschlossen, und mache mich dann auf fen Weg zur Zelle.  Die Bediensteten sind oft noch hilfloser bei Trauernachrichten. In manchen Angelegenheiten hat keiner von uns eine Routine entwickeln können – gut so!

Wenn es um das Leben oder den Tod geht läuft es nicht routiniert. Da sind wir nur Mensch und sind der Sand im Getriebe eines sonst funktionierenden Systems. 

Gut so!

14. Dezember (Montag der 3.Adventswoche)

Über den Gefangenen XY finde ich wieder eine Meldung in meinem Emailfach. 

Vom Inhaftierten YZ wird die Akte gesucht zwecks Stellungnahme.

Dem Gefangenen des Gemeinschaftshaftraumes kann noch keine Arbeit angeboten werden,  weil die Akte noch nicht gelesen wurde.

Für die Diagnostik wird ein Gesprächsprotokoll erstellt.

So ist das bei uns.

Dabei möchte manch einer einfach nur ein unbeschriebenes Blatt sein.

13. Dezember (3. Adventssonntag)

Wer mich sprechen möchte, muss einen so genannten Antrag schreiben. 

An den Fahrer

An den Vara

An den Pfarra

An den Pfarrer

All dieses bekomme ich immer wieder zu lesen. 

Im Smalltalk bin ich der Wolkenschieber, der Himmelskomiker, der Tabakkurier (dabei verteile ich keinen Tabak – gegen den Wunsch von vielen)

Himmelskomiker passt, denn viele finden es komisch, dass ich vom Himmel rede in ihrer Hölle.

Manche lachen, wenn ich von Vergebung spreche in einer Einrichtung für Vergeltung. 

Sie lächeln milde wenn ich predige, dass Jesus forderte in einer Schlägerei auch die andere Wange hinzuhalten. 

Die biblische Botschaft ist schwer ins Wort zu bringen bei all der Erfahrung,  die ihr entgegensteht.

Und doch ist sie wahr!

12. Dezember (Samstag der zweiten Adventswoche )

Auch ein Bediensteter machte sich Gedanken zum Weihnachtsfest.  Es zeigt deutlich,  dass wir Menschen,  ob Inhaftierter oder Bediensteter letztendlich im selber Boot sitzen und Wartende auf Erlösung sind. Hier sein Text:

Hallo Hans  Gerd….

Ich hatte was zu  Weihnachten geschrieben, habe es aber gelöscht. Das wäre zu negativ …. Ich verbinde mit Weihnachten kaum noch was Schönes. Die Tatsache über die Feiertage immer den Dienstplan im Nacken zu haben, lässt mich nicht wirklich in Weihnachtsstimmung kommen. 

Vielleicht liegt es auch an mir , vielleicht werde ich immer dünnhäutiger. Wer weiß das schon. 

Liebe Grüße

11. Dezember (Freitag der zweiten Adventswoche)

Einer vermisste seine Mama. Das Wort sprach er aus, wie er es in seiner Kindheit ausgesprochen haben mag, flehentlich und bittend. Über 30 jährig spürt er, dass er seine Jugend an die Drogen verloren hat und seine frühe Erwachsenenzeit an den Knast. Heute war er das Kind. Weiter war er noch nicht, das spürte er selber und seine ganze Traurigkeit und Sehnsucht lag in dem einen Wort: Mama

Einen traf ich schlafend an. Er schläft eigentlich immer. Arbeit hat er nicht, und der Knast ist ihm fast wie eine Heimat. Er isst immer meine ganzen Kekse weg. Nur wenn ich ihn nach seiner Familie frage wird er hart, verbittert. Will nicht sprechen.  Er käme alleine klar. Dann fließen Tränen.  Und ich weiß, er kommt nicht alleine klar. Im Knast glaubt er das,  weil er versorgt ist. 

Wieder einem steht der Schreck noch ins Gesicht geschrieben.  Jung an Jahren zum ersten mal in Knast.  Die Tinte auf dem Papier,  das seine Verurteilung zu vielen Jahren Haft festhält, ist noch nicht trocken.  Seine Zukunft hätte super laufen können.  Die Voraussetzungen waren gegeben. Wenn es diesen einen Tag nicht gegeben hätte…

Jemand wirft mir mit verzweifeltem Blick einen Stapel Briefe vom Gericht auf den Tisch. Er verstehe das alles nicht. Das könne doch alles nicht wahr sein. Verzweiflung spricht aus ihm. 

Jemand ist tierisch nervös. Hat einen Brief an seinen Sohn geschrieben.  Ob ich mal drüber gucken könnte. Er sei sich so unsicher. Geantwortet habe der Sohn noch nie. Dabei sehnt er sich so sehr danach. Aber seit seiner Tat ist Funkstille.  Mit dem Sohn, mit der Frau, mit….er stockt…Mit allen 

Einer spricht kein Wort,  das empfinde ich am anstrengendsten so spielen wir Tischfußball. Er gewinnt und ist glücklich. 

Da hört einer Stimmen. Er will meine Stimme und die sollen die anderen Stimmen zum Schweigen bringen, mit Macht und dauerhaft. Ich höre, was seine Stimmen sagen,  und das verheißt nichts Gutes.

Einer freut sich die Prüfung bestanden zu haben. Er darf sich bald Geselle nennen lassen. Bei mir bedankt er sich für die Begleitung in den letzten fünf Jahren. Ich freue mich mit ihm. Hoffe, dass er auch alle Prüfungen besteht,  wenn er vor dem Tor steht.

Acht Gespräche waren es gestern. Ich war müde. 

Es ist Advent. Die Sehnsucht,  dass das Alte endlich aufhören soll, und Neues endlich beginnt, ist riesengroß.  Bei den Gefangenen und auch bei mir.

10. Dezember (Donnerstag der zweiten Adventswoche)

Der zweite Teil des Textes von R. B., der gestern begonnenen wurde:

Heute verbringe ich mit vielen Leidensgenossen hinter Gittern die Weihnachtszeit. Und auch hier sind es die Kleinigkeiten die einen lächeln lassen und daran erinnern dankbar zu sein, für das was man hat, wenn’s auch noch so klein erscheinen mag.

Um Weihnachten zu feiern gibt es sicherlich schönere Orte auf dieser Welt aber auch schlimmere. Es ist ok, wo immer wir auch gerade sind und die Weihnachtszeit ist auch eine Zeit des Anfangs. Von was, das liegt in unserer Hand.

Ich werde dieses Weihnachten mit liebevollen Highlights versuchen auszuschmücken. So gut wie es mir möglich ist. Zum Beispiel mit selbstgemachtem Kuchen, Essen und Geschenke. Anderen ein Lächeln zu zaubern ist mir Weihnachten genug. Und schlafen werde ich viel. Denn die Feiertage verbringen wir ab 16.00 Uhr alleine, jeder für sich.

Die Beamten, die dann hier sind würde ich gerne sagen: Sorry, dass ihr meinetwegen hier sein müsst. Aber das würde zu dem Zeitpunkt nicht zu ändern sein. Also lasse ich es lieber und genieße die friedliche Ruhe, die sich wie ein Schleier über das ganze Gefängnis legen wird.

R.B.

9. Dezember (MIttwoch der zweiten Adventswoche)

Ein Inhaftierter schrieb seine Gedanken zur Weihnachtszeit auf. Ich fragte ihn, ob ich diese hier veröffentlichen dürfe. Er stimmte zu. 

In keinem anderen Zeitraum des Jahres ist bei mir die Sehnsucht nach Frieden,  Liebe, Familie und Harmonie so groß. 

Ich spüre es, wie die Tiere sich für den Winterschlaf einrollen,  sich in Höhlen zurückziehen oder einfach den Puls runterfahren, so bewegt sich die Masse der Menschen Richtung trautes Heim, wo seit Wochen dekoriert ist.

So stelle ich mir es auf jeden Fall vor. So sollte es sein, wie es in Echt aussieht oder sich abspielt entzieht sich meiner Kenntnis.  Denn als ich ein freier Mann war, wollte und konnte ich nicht an dieses Fest der Liebe teilhaben.  Ich dachte, arbeiten ist wichtiger und Liebe ist ein Luxus, der verdient werden musste. 

Und überhaupt, was ist die Bedeutung von Weihnachten? Schön und gut, Christus ist geboren….

Solchen Gedanken hing ich nach, während die meisten im trauten Heim Heilig Abend zusammen verbrachten, alleine, kiffend, im Auto an der Maas in Holland.  Traurige Figur.

R.B.

(Morgen der zweite Teil seines Nachdenkens über Weihnachten)

8. Dezember (Dienstag der zweiten Adventswoche)

In meinem Büro habe ich drei gleich aussehende Adventkalender. 

Zwei im Schrank versteckt, einen auf meinem Tisch, an dem ich die Gespräche führe. 

Wer vormittags zu mir zum Gespräch kommt findet immer einen Kalender vor, dessen Tagestürchen noch nicht geöffnet ist. Dann hört er den Satz: Der erste darf das Türchen aufmachen. Eine kleine Lüge, die ich da dem zweiten und dritten Gesprächspartner auftische, aber am Vormittag hat jeder meiner Gesprächspartner das Gefühl “der Erste” zu sein. Und ich bilde mir ein, aufgrund der Tatsache der Erste zu sein,  strahlen die Augen ein wenig (oder ist es so?). Ich hoffe dann, dass es mir im Gespräch auch gelingt dem Gesprächspartner zu vermitteln “der Erste” oder übersetzt: “in diesem Moment der Wichtigste” zu sein. 

Viele fühlen sich Zeit ihres Lebens immer auf einem der letzten Plätze. Da kann es auch schon mal „passieren „, dass „man“ große Scheiße baut, um wenigstens gesehen zu werden. 

In meinem Büro möchte ich sie sehen,  ohne, dass sie auf sich aufmerksam machen müssen.  Und siehe da, sie öffnen mehr als das Türchen des Adventskalenders,  sie öffnen – wenn das Gespräch gelingt – auch das Türchen ihres Herzens. (Und wenn es nur ein Spalt ist)