9. Dezember (MIttwoch der zweiten Adventswoche)

Ein Inhaftierter schrieb seine Gedanken zur Weihnachtszeit auf. Ich fragte ihn, ob ich diese hier veröffentlichen dürfe. Er stimmte zu. 

In keinem anderen Zeitraum des Jahres ist bei mir die Sehnsucht nach Frieden,  Liebe, Familie und Harmonie so groß. 

Ich spüre es, wie die Tiere sich für den Winterschlaf einrollen,  sich in Höhlen zurückziehen oder einfach den Puls runterfahren, so bewegt sich die Masse der Menschen Richtung trautes Heim, wo seit Wochen dekoriert ist.

So stelle ich mir es auf jeden Fall vor. So sollte es sein, wie es in Echt aussieht oder sich abspielt entzieht sich meiner Kenntnis.  Denn als ich ein freier Mann war, wollte und konnte ich nicht an dieses Fest der Liebe teilhaben.  Ich dachte, arbeiten ist wichtiger und Liebe ist ein Luxus, der verdient werden musste. 

Und überhaupt, was ist die Bedeutung von Weihnachten? Schön und gut, Christus ist geboren….

Solchen Gedanken hing ich nach, während die meisten im trauten Heim Heilig Abend zusammen verbrachten, alleine, kiffend, im Auto an der Maas in Holland.  Traurige Figur.

R.B.

(Morgen der zweite Teil seines Nachdenkens über Weihnachten)

8. Dezember (Dienstag der zweiten Adventswoche)

In meinem Büro habe ich drei gleich aussehende Adventkalender. 

Zwei im Schrank versteckt, einen auf meinem Tisch, an dem ich die Gespräche führe. 

Wer vormittags zu mir zum Gespräch kommt findet immer einen Kalender vor, dessen Tagestürchen noch nicht geöffnet ist. Dann hört er den Satz: Der erste darf das Türchen aufmachen. Eine kleine Lüge, die ich da dem zweiten und dritten Gesprächspartner auftische, aber am Vormittag hat jeder meiner Gesprächspartner das Gefühl “der Erste” zu sein. Und ich bilde mir ein, aufgrund der Tatsache der Erste zu sein,  strahlen die Augen ein wenig (oder ist es so?). Ich hoffe dann, dass es mir im Gespräch auch gelingt dem Gesprächspartner zu vermitteln “der Erste” oder übersetzt: “in diesem Moment der Wichtigste” zu sein. 

Viele fühlen sich Zeit ihres Lebens immer auf einem der letzten Plätze. Da kann es auch schon mal „passieren „, dass „man“ große Scheiße baut, um wenigstens gesehen zu werden. 

In meinem Büro möchte ich sie sehen,  ohne, dass sie auf sich aufmerksam machen müssen.  Und siehe da, sie öffnen mehr als das Türchen des Adventskalenders,  sie öffnen – wenn das Gespräch gelingt – auch das Türchen ihres Herzens. (Und wenn es nur ein Spalt ist)

6. Dezember (2.Adventssonntag)

Ich greife noch einmal die Tätowierungen wieder auf.

Da gibt es noch die drei Punkte. 

Das Drei-Punkte-Tattoo zwischen Daumen und Zeigefinger erinnert an die Blindenschrift. 

Es sei sofort verraten,  es ist kein Symbol für die Dreifaltigkeit. Das wäre etwas zu dick aufgetragen. Die drei Punkte stehen für:

“Nichts gehört, nichts gesehen und nichts sagen”. Es ein Zeichen, dass man dazugehört, dass man im Knast gewesen ist. Die drei Punkte gehören zum Knastkodex. Gegenüber dem System des Vollzuges soll nichts preis gegeben werden. Leider wird nach der Entlassung die Symbolik bei Bwerbungen oder im Beruf oft zum Problem.

Sie „verraten“ außerhalb des Gefängnisses eben einen doch nicht unerheblichen Teil der Lebensgeschichte dessen,  der sich diese Punkte hat tätowieren lassen. 

Angenommen, meine eigene Lebensgeschichte würde mir unter die Haut tätowiert. Was würde ich mit langeln Ärmeln oder anders definitiv verstecken wollen,  was trüge ich voller Stolz?

5. Dezember (Samstag der ersten Adventswoche)

Wenn wir an Weihnachten sagen: Gott wollte in unserer Haut stecken, darum wurde er Mensch, dann fällt mir die tätowierte Haut unserer Inhaftierten ein. Es gibt Motive, die „knasttypisch“ sind. Wer im Gefängnis ist und gerne ein Tattoo hätte, schraubt seinen Rasierapparat oder seinen CD-Player auseinander, baut den Motor aus, setzt ihn auf einen Kugelschreiber, steckt den Draht des Feuerzeuges hinein und sticht sich damit Russ mit Duschgel unter die Haut. Es ist nicht nur verboten hinter Gittern, auch das Infektionsrisiko ist extrem hoch.

Religiöse Symbole wie das Kreuz oder die betenden Hände Düres sind hoch im Kurs. Kreuze finden sich fast überall: klein und groß oder mit einer Rose verbunden. Rosenkränze oder Bibelverse kommen ebenso vor. Und man könnte sagen: Das ist religiöse Tätowierung.

Was wäre mir so wichtig, dass es mir unter die Haut gehen darf?

4. Dezember (Freitag der ersten Adventswoche)

In einem Kinospot der Kampagne gegen Raubkopierer sind drei Kinder und eine Mutter zu sehen, die vor dem Gefängnis dem darin sitzenden Vater ein Geburtstagsständchen singen. Eines der Kinder fragt, wann der Papa wieder kommt. Die Mutter entgegnet trocken: “Noch viermal singen!”

So humorvoll der Clip auch ist, so schafft er es doch eine ernste Frage in den Focus zu ziehen: Wie geht es eigentlich den Familien der Inhaftierten?

Bei schweren Straftaten weiß ich von vielen Familien, die weggezogen sind, die sich beim Einkauf, beim Arztbesuch oder auch beim ganz normalen Spaziergang beobachtet fühlten. Sie fühlten sich nur noch definiert über die Straftat des Vater, des Mannes, des Sohnes. Das ist doch die Frau von dem Mörder, das sind doch die Kinder von dem Kriminellen, das sind die Eltern von dem, der die Frau vergewaltigt hat.

eine schier untragbare Last. Da hilft oft nur die Flucht nach vorne. Wegziehen, dahin, wo einen keiner kennt. Auch wenn dann die letzten sozialen Bindungen, die tragend sind in dieser schweren Situation, wegbrechen. Manche Familien zerbrechen daran.

In der neuen “Heimat” werden dann die Kinder geimpft, in der Schule bloß nichts zu sagen, und man erfindet Geschichten vom Vater, vom Sohn, vom Ehemann, der seit Jahren in Übersee auf Montage ist. Die Lüge solls dann richten.

Den Männern geht es oft besser, als den Familien. Sie sind in einem Umfeld, indem sie doch weitgehend mit ihrer Straftat akzeptiert sind. Sie sind unter sich. Sie kommen schneller wieder zur Ruhe als die Familie. 

Heute ist das Fest der heiligen Barbara. Der Tradition gemäß stellen einige einen kleinen knospenden Ast in ein Vase. Wenn es klappt, blüht dieser Ast zum Weihnachtsfest. Dieser Zweig symbolisiert die wachsende Hoffnung auf Erlösung. 

Das sind gerade einmal knapp drei Wochen. 

Bis die Familien wieder auf einen grünen Zweig kommen, kann es gefühlte Ewigkeiten dauern.

3. Dezember (Donnerstag der ersten Adventwoche)

heute als Impuls der zweite Teil des Textes von R.

Warum ich in die Gemeinde Jesu Christi aufgenommen werden will.

… Und schon wieder tat Gott nichts – dachte ich.

Das aber ist falsch. Jetzt weiß ich, dass er nie weg war. Er hat darauf gewartet, dass ich von mir aus zu ihm komme …

… mit meinen Sorgen und meinen Macken

… mit allem Schlechten und Guten.

Und egal was ich für einen Blödsinn anstelle –

– er vertraut mir und sagt, dass er mich liebt

wie einen Vater seinen Sohn.

Unter uns gesagt, wäre ich schon mit der Hälfte zufrieden.

Vielleicht tut er manchmal wirklich nichts, außer zu warten.

Auf mich, damit ich seine Hand annehme

und nicht mehr voller Hass und Wut rumlaufe

 – mmmmhhh – wie auch immer.

Heute gestehe ich mir ein,

dass ich eine gute und friedliche Beziehung zu Gott brauche

damit auch ich friedlich und gut sein kann.

Dezember (Mittwoch der ersten Adventwoche)

Oktober 2017 bat mich ein damals 26 jähriger Inhaftierter um die Taufe. Er wollte in die Kirche aufgenommen werden. Sein Anliegen war glaubhaft und unsere Gespräche führten dazu, dass ich tiefen Respekt vor ihm, seiner Geschichte und seiner Bitte entwickelte. ich fragte ihn, ob er den Mut hätte, sich auch vor der ganzen Gemeinde ähnlich äußern könne. Die Gemeinde, das waren seine Mitgefangenen, die, die ihm täglich begegnen, und die oft wenig Verständnis zeigen für öffentliche Glaubensaussagen.

So formulierte er einen Brief, der überschrieben war mit dem Satz: 

Warum ich in die Gemeinde Jesu Christi aufgenommen werden will.

Heute und morgen möchte ich euch sein Schreiben in zwei Schritten vorstellen.

Natürlich habe ich ihn gefragt, ob das für ihn in Ordnung ist. Da er inzwischen Mitglied dieser Broadcastgruppe ist, wird er seinen Text auch selber wieder lesen.

Danke Dir, R. Hier dein Schreiben.

Danke, für Euer Interesse, hier sein Schreiben (1. Teil)

Meine Beziehung zu Gott war – naja- kompliziert.

Ehrlich gesagt gab es eine Zeit wo ich Gott gar nicht gut leiden konnte.

Ich habe ihm Vorwürfe gemacht

 „warum hilfst du mir nicht, wenn ich zu dir bete? – siehst du denn nicht, dass ich klein, schwach und wehrlos bin? – Hörst du mich nicht?“

Und was tat Gott? Er tat nichts.

Ich war ein Pico und dachte mir „ok, Gott, du willst mir nicht helfen, dann geh! Ich bete nie wieder zu dir und ich bitte dich auch um nichts mehr. Ich brauche dich nicht“.

Verletzt traurig, enttäuscht und wütend war ich auf Gott jahrelang, aber ich kann nicht für immer böse auf ihn sein.

Also fing ich wieder an zu beten und das ging immer so: „lieber Gott, falls du mich hörst, bitte beschütze meine Familie, aber um mich brauchst du dich nicht zu kümmern. Lass mich in Ruhe, hilf lieber anderen, die das mehr nötig haben.“

Obwohl mittlerweile viele Jahre vergangen waren, war ich immer noch böse auf Gott. Niemals hätte ich mir die Blöße gegeben und Gott gesagt, dass ich hier gerade am Ertrinken bin in meiner Welt voller Misstrauen, Hass, Neid, Gewalt, Korruption und Gier.

November (Montag der ersten Adventwoche)

Einer spricht seit Monaten nicht. Kein Wort! Ob er sprechen kann? Er soll früher „ganz normal“ gewesen sein. Irgendetwas ist passiert. Seit Wochen beherrscht mich das Gefühl keinen Deut weiter zu kommen mit ihm. Seine Kommunikation besteht darin, kaum erkennbar mit dem Kopf zu nicken, zu schütteln oder den Kopf still  zu halten. Ja-Nein-keine Antwort – interpretiere ich. Manchmal bin ich mir aber nicht sicher. Jeden Tag eine Stunde Schweigen aushalten. Nicht wissen, was er will. Noch schlimmer, nicht zu wissen, was er nicht will.

Ein anderer spricht nur, ohne Ende. Er springt gedanklich von Ast zu Ast. Erzählt alles! Alles? Auch da bin ich mir nicht sicher. Wer viel redet kann auch besser im Wortschwall das verstecken, worüber er nicht reden will. Ich weiß nicht, was sein Thema ist. Der Schwall der Worte steht fast wie eine Mauer vor ihm. Mir dröhnt der Kopf, wenn er bei mir ist. Manchmal ist mir danach laut zu werden, als könnte ich dann besser zu ihm durchdringen. 

Hilflos fühle ich mich bei beiden.

Kündet allen in der Not: Fasset Mut und habt Vertrauen!

Wie denn, wenn ich ständig das Gefühl habe, nicht verstehen zu können und nicht verstanden zu werden?

Erster Adventssonntag

JVA Kirche. ca. 35 Gottesdienstbesucher. Ein paar mehr als sonst, es hat sich herumgesprochen, dass im Anschluss Kerzen verteilt werden. Vielleicht ist es auch die merkwürdige Stimmung innerhalb der Mauer, das Wissen darum, wieder ein Weihnachtsfest ohne Familie im Knast zu verbringen. Diese Stimmung lässt dann doch den einen oder anderen sich auf den Weg in die Kirche machen. Entfliehen. Was oder wem, können vermutlich die Wenigsten sagen. Zunächst sah es so aus, als gäbe es kein Klavierspiel. Aufgrund von Corona sollte nicht mal die Klavierspielerin in die Anstalt.
Der Adventkranz kam in letzter Minute. Auch da sah es so aus, als gäbe es dieses Jahr keinen.
Bei der Kommunion geht mir plötzlich auf, in welche Hände ich da die Hostie lege: die Hand hat eine Frau gewürgt, bis kein Leben mehr in ihr war. Die Hand hat Kinder gestreichelt, mehr als Recht ist. Die Hand hat ein Gesicht zertrümmert.
Jesus ist nicht zimperlich. Er lässt sich in jede der aufgehaltenen Hände legen.
Wer ihn erbittet, der bekommt ihn.
Er ist auf Herbergssuche in diesen Tagen..
Unser Gut-sein oder unser Schlecht-sein scheint kein Kriterium zu sein.

Ich wünsche Euch einen 1. Advent mit der Tuchfühlung zum Guten Geist Gottes.