21. Juli 2020

San Sebastian – 23.15 Uhr

„Todos los pasajeros ahora cambian a los autobuses que van a su ciudad de destino.  „

Ich verstehe kein Wort. Der Fahrer kann mir viel erzählen.  Hat er in den letzten 11 Stunden auch gemacht und es war jedesmal der Hinweis,  dass wir eine kurze Pause machen für die menschlichen Anliegen. Ich blieb also sitzen, hatte kein menschliches Anliegen. 

Es wunderte mich schon, dass ich plötzlich alleine im Bus saß.  Den Fahrer wunderte es auch und er fing an in fließendem Spanisch auf mich einzureden.  Warum nur hatte ich das Gefühl, dass es mich dieses mal sehr wohl etwas anging? Aber ich verstand immer noch nicht. 

Ich wies mit dem Finger auf den Boden des Busses und fragte: Bus – Paris? Und erhielt zugleich die Antwort: nix Paris. Er wies ganz meiner Manier folgend mit seinem Finger auf die Tür und sagte „Paris“ vermutlich sollte ich erst einmal aussteigen, um eine realistische Chance habe nach Paris zu kommen. 

Also raus. 

Draußen ging es vielen Menschen wie mir. Menschen,  die aus anderen Bussen vor die Tür gesetzt worden waren. Egal wen ich ansprach, englisch verstand keiner. Könnte ein Hinweis darauf sein schon Frankreich erreicht zu haben,  aber ich wusste doch im Busterminal von San Sebastian zu sein. Das hatte mir Google Map verraten. 

Nun standen ca 40 Menschen einfach nur rum. Eine gewisse Nervösigkeit hatte die meisten beschlichen. Die anderen wussten vermutlich,  was los war.

Dann kam endlich ein Kümmerer in gelber Tarnweste. Hinter auf dem Rücken stand dick und fett: INTERCAMBIADOR.  Es ist ein WÄRMEAUSTAUSCHER verrät mir Google und ich denke sofort „nein, das will ich nicht!“ Aber er macht trotz aller Hektik unter den Wartenden einen freundlichen Eindruck.  Ich schließe mich der Gruppe an, die ihm das Wort Paris?? oder Päriss?? an den Kopf werfen. Dieses mal nicht nur mit dem Finger gestikulierend, sondern mit dem ganzen Oberkörper. 

Die Schultern werden nach oben gezogen und die Hände in die Luft gestreckt. „Yoga im Busterminal“ denke ich nur. Schade, dass es nicht synchron läuft, könnte nett aussehen. Der Wärmeaustauscher, ein total schlanker Mann (kein Wunder, wenn der jede Nacht so einen Stress hat) benutzt jetzt nur den Finger, zeigt an die Wand und deutet unmissverständlich an, wir sollen uns da an die Wand stellen.  Dann zeigt er mit dem selben Finger auf den Fußboden was ich als „und da bleiben sie erst mal stehen“ interpretiere. Wir Unwissenden brechen unser Yoga ab und stellen uns allesamt brav an die Wand.

Der Wärmeaustauscher verschwindet. Jetzt stehen wir da. Einer älteren Frau wird es zuviel und will sich auf eine kleine Stufe setzen (ich sitze da schon). Sie kommt aber nicht runter. So biete ich ihr meine Hilfe an. Es waren noch zwei Männer von Nöten diese 1,60 Meter große Frau auf den Boden (naja, die Stufe hatte ca. 20 cm) zu setzen. 

Mir schoss durch den Kopf “ dein Vertrauen in Ehren, und wenn wir dir nicht mehr helfen hochzukommen weil der Bus kommt?“

Sie sprach auf spanisch ununterbrochen auf mich ein. Mein „no espanol“ interessierte sie nicht wirklich.

Irgendwann gab sie auf. Ruhe war. In der Zwischenzeit erschien der Wärmeaustauscher wieder und als er sah, dass die meisten noch an der Wand standen und zwei Menschen auf dieser kleinen Stufe saßen, die eigentlich die Busbucht vom Fußvolk trennt, war er zufrieden und telefonierte fleißig vor sich hin. Ich notierte mir nur, wenn er telefoniert macht er auch Yoga: Schultern hoch und runter und auch die freie Hand zum Himmel und um sich weisend. 

Der letzte Bus im Terminal war inzwischen abgefahren.  Aber er, der Wärmeaustauscher strahlte mit seinen 1,70 Meter Größe und einer Kleidergröße von 38 soviel Autorität aus, dass wir immer noch brav stehen, bzw sitzen blieben. 

Dann fuhr ein Bus ein. Die Menschenansammlung wurde merklich unruhig. Die Frau, die bis dato brav auf ihrer 20 cm Stufe saß,  auf die wir sie zu dritt gehieft hatten, schaute sich zunächst irritiert um, fing dann an mit den Armen zu rudern „du hast keine Chance da alleie hoch zu kommen“ dachte ich. Stand dann selber auf, griff ihr unter die Arme. Aber auch dieses mal reichte ich nicht. Ihr Bodymaßindex war unvorteilhaft für diese Aufstehübung. Wieder waren zwei weitere Personen notwendig, sie aufzurichten. Als sie stand verschwand sie ohne Worte mit ihrem Rollköfferchen. Merkte dann aber wohl, dass sie gar nicht wusste, wohin sie denn sollte,  zwei weitere Busse waren ins Terminal gefahren. Sie ruderte zurück. Der Wärmeaustauscher stand genau zur Stelle und wies uns an – mit Hilfe seines Fingers – wir mögen zu dem Bus gehen, auf den er zeigte.

Die Reihe an der Wand wurde zur Weintraube am Bus. Ticketkontrolle. Einer war dabei, der hätte sich besser nicht mit in unsere Reihe gestellt, der Herdentrieb hatte ihn angelockt und Sicherheit gegeben.  So war sein Bus schon abgefahren. Der Wärmeaustauscher erwies sich erneut als Kümmerer. Telefon. Yoga und der Irrläufer stieg in unseren Bus (wird später an einer Tankstelle einem anderen Bus übergeben).

Wir stiegen alle ein und fragten uns,  woher der Kümmerer diesen Bus denn aufgetrieben hatte.  Ungeputzt und nach fünf Minuten bis auf den letzten Platz besetzt. Ein Fernseher läuft und zeigt uns irgendeinen Ballerfilm. Wir gucken aber nicht hin. Wir stehen noch. Ganze Dramen spielen sich ab. Pärchen werden getrennt auf die Plätze positioniert und Einzelfahrer erhoffen die anderen täuschen zu können,  indem sie ihr „Handgepäck“ auf den Nachbarsitz stellen. Das haben die nun davon. Jetzt stehen die 10 kilo Handgepäck auf ihrem Schoß. 

Eine Frau dreht durch. Schreit in einer mir unverständlichen Sprache wild durch die Gegend. Sie findet damit auch kein Ende. Schreit Mitreisende an. Ich sitze zum Glück in sicherer Entfernung. Mein „no espanol“ hätte sie vermutlich eher handgreiflich werden lassen als beruhigt.

Der Fahrer weigert sich zu fahren solange die Frau tobt. Interessiert sie nicht.

Zum Glück kümmern sich dann andere. Eigentlich sogar sehr viele,  was auf mich keinen sehr deeskalierenden Eindruck macht. Krisenintervention sieht anders aus.  „Wir kommen hier nie weg“ dachte ich nur, als die Hälfte der Belegschaft sich lauthals um die Frau kümmert. Die andere Hälfte ist – wie ich – vermutlich der Sprache nicht mächtig.

Plötzlich ist Ruhe. Ganz plötzlich. Mir vollkommen unverständlich.  Ich sollte meinen Kriseninterventionsansatz noch einmal überdenken. Die Türen schließen und der Fahrer fährt los. Ich versuche jetzt erst einmal zu schlafen. 

20. Juli 2020

Santiago will mich nicht gehen lassen. 

Geplant war zunächst ein Flug nach Düsseldorf.  Realität: der Flug über Madrid (eine Nacht Aufenthalt) über Zürich (eine Nacht Aufenthalt) nach Düsseldorf. Kosten mehr als 600 Euro. Also die Bahn als zweite Wahl.

Die Bahn-fachkraft erklärte mir sehr unfreundlich: you are to late. Und wollte mir damit sagen „heute geht gar nichts mehr.“ Dann bot sie mir für morgen eine Zugfahrt an: Santiago de Compostela nach Barcelona (eine Nacht) Madrid (eine Nacht) schließlich Paris.  Wie es dann weiterginge wüsste sie nicht. Für den internationalen Bahnverkehr habe sie keine Software.

Super, beides klingt nach Urlaub auf Flughafensesseln oder auf der Schiene.  Immerhin bin ich drei Tage unterwegs. Und gammel noch einen Tag in Santiago herum. 

Matteo ereilt das gleiche Schicksal, auch er kommt frühestens morgen weg.

Also besuchten wir erst einmal die Pilgermesse. Ansonsten mit hunderten Pilgern feierlich in der Kathedrale, heute in einer kleinen Kirche mit 40 Pilgern und die Orgel spielte vom Band. Ein asiatischer Priester fragte mich, ob ich nicht mit ihm zusammen zelebrieren wolle, und ich habe mich breit schlagen lassen.  Somit darf ich sagen, in Santiago de Compostela bereits die offizielle Pilgermesse zelebriert zu haben. Matteo kommentierte später nur „endlich habe ich dich mal arbeiten gesehen“ und Arbeit war es, mit Maske vor der Nase, ständig beschlagener Brille englische Gebete sprechen zu müssen die hinter dem Nebel auf meiner Brille eher verschwammen.

Aber es hat Freude gemacht.  

Matteo, der anschließend nach Finesterre wollte, zog es dann vor mit mir zu lunchen. Fuhr nach diesem mit dem Bus zum Ende der Welt und kommt von diesem heute Abend zurück.  

Das Zimmer in der Herberge habe ich für uns zwei gleich noch für eine Nacht gebucht, bevor ich dann ab morgen Mittag meine Lebenszeit für fast drei Tage auf der europäischen Autobahn verbringe.

ALSA (so eine Art spanischer Flixbus) bringt mich in 23 Stunden 😝 Fahrt nach Paris. Schlendere dann unbestimmt durch die Stadt der Liebe und werde vergebens hoffen (ich stinke, und die Klamotten wurden die letzten Wochen nur mit der Hand in kaltem Wasser durchgewaschen) Dann steige ich wenige Stunden später ungeliebt in den grünen Kumpel und fahre flix 8 Stunden nach Düsseldorf. Dort warte ich auf den ersten Zug am Donnerstag morgen, Dann ist es nur noch ein Stündchen bis Geldern. 

Laufen wäre mir fast lieber gewesen. 

19. Juli 2020 von MELIDE nach SANTIAGO DE COMPOSTELA – 62,3 km

Liege im Bett und lasse den Tag revue passieren.  Und der fing um 5.15 uhr. Zu dem Zeitpunkt klingelte der Wecker und ich war alles andere, als sicher, heute in Santiago ankommen zu dürfen.  Mir war einfach nur schlecht. Übelkeit. Entweder gestern der massiven Sonne geschuldet, oder der Frutti del mare in den Nudeln. Letztendlich auch egal, mir war schlecht.  Als wir u..6.15 Uhr vor die Tür traten, war es noch dunkel und auf der anderen Straßenseite lief eine junge Frau- anfang dreißig – mit Rucksack . PEREGRINO. sie schien sich des Weges sicher zu sein, wir auch, aber unser war ein anderer. 10 Minuten später trafen wir uns kurz hinter der Stadt an einer Weggabel erneut.  Die Straßenlampe beleuchtete sie und machte sie sofort 10 Jahre älter. Wir kamen ins Gespräch. Annabel aus Spanien. Sie feierte heute ihren 50 Geburtstag. BINGO + 10 JAHRE.

So liefen wir bis Pedrouzo, also ca 34 km, gemeinsam. Angenehme Person, die etwas zu erzählen hatte und zudem mit dem wunderbaren Nebeneffekt, diese Frau bremste unser Tempo aus, was mir an diesem Morgen einfach gut tat.

Nach Pedrouzo ging es mir halbwegs uns Matteo zog gleich das Tempo an, was mir recht war, da es mir inzwischen wesentlich besser ging. Ab Moto de Gozo, musste ich jedoch einen Tacken zurückschalten,  denn uphill strengte mich einfach an. Sehr wohl notierte ich aber, dass Matteo sehnsüchtig eine Bar suchte und sich gelegentlich auf eine Mauer setzte, ohne jedoch zuzugeben, dass auch er erschöpft war. Vollkommen ok,  ich weiß, wie schwer es fällt, wenn ich mich über meine Kraft definiere. Zudem waren wir schon 50 km und mehr gelaufen. 

In Santiago angekommen überkam es mich wieder, wie beim letzten Mal.  Es gab keine Gewohnheit, sondern nur Ergriffenheit. Matteo ging es ähnlich. 

Nachdem wir eine Zeit genossen hatten und unser Genießen durch Fotos belegt hatten, traten wir den Weg zur Herberge „Seminario“ an. An einer Kirche vorbei kommend spendeten wir uns gegenseitig den Segen.  Es war ein kurzer Akt, der mir viel bedeutete. wie er bei Matteo ankam, weiß ich nicht, ich las Verwunderung und Zustimmung in seinem Gesicht. 

Morgen gibt es das Credecial und die Pilgermesse, dann hat uns der Alltag wieder.

18. Juli 2020 von PORTOMARIN nach MELIDE – 48,8 km

11.45 Uhr

Seit 6 Uhr laufen wir.  Nicht immer in die richtige Richtung,  aber sind nach 29 km doch in Plas de Rei angekommen.  Im Dunkeln haben wir uns schon nach einem Kilometer von der Herberge in die falsche Richtung geschlagen.  Hin und zurück haben wir so schon 2 Kilometer verschenkt. Später dann in einem Ort der falschen Beschilderung gefolgt, wieder 500 Meter für die Tonne.  2,5 Kilometer umgerechnet in Zeit macht ca eine halbe Stunde. Diese Zeit ist morgens doppelt kostbar, denn ab 10.00 Uhr wird es heiß.

Jetzt machen wir erst einmal Mittagspause, dann geht es weiter.

Mal sehen, wir oft wir den wohlbeleibten Deutschen,  der ohne Rucksack läuft aber überall durch Lautstärke auffällt wieder treffen. Heute morgen schrie er schon zu uns rüber, nur einfach, um was zu sagen.  Worthülsen. Viele kennen ihn als den lauten Deutschen. Er nimmt regelmäßig ein Taxi um Teilstrecken zurück zu legen. So ist er überall und ständig zugehen. Wenn Matteo mich ärgern will spricht er von ihm als meinem Freund, dabei weiß er,  was ich von ihm halte.

Eine Gruppe spanischer Mädels liebt den Bus. So überholen sie uns ständig. Sie sind nicht laut in dem Sinn, wie es der Deutsche ist. Damit komme ich klar.

14.30 Uhr 

Es gibt immer ein paar Idioten, die bei weit über 30 Grad durch Galizien pilgern

 Zwei davon kenne ich sogar.

Heute sind Extremtemperaturen gemeldet, weshalb wir sehr wahrscheinlich in einer Stunde die heutige Tour beenden. Noch laufen wir viel durch Eukalyptuswald und genießen den Schatten.  Wie lange das noch möglich ist, wissen wir nicht. 

16.30 Uhr 

In Melide – 14 km vor dem geplanten Tagesziel – Trip für heute beendet. Es wurde unerträglich heiß.  Es kam der 40⁰ Grad Marke erschreckend nahe und immer nur auf die nächste Bar hoffen um nicht warmes Wasser trinken zu müssen ist auch nicht ideal. Fotos habe ich kaum gemacht, zum einen war es mir zu warm um das Handy rauszuholen und auch dem Handy war es zu warm und machte sich selbständig. Im Flugmodus rief es mich an und klingelte unentwegt oder zeichnete unmerklich von Screenshots auf, dir ich jetzt alle löschen kann.

Sollte jemand von euch einmal den Jakobsweg gehen und nach Portomarin kommen,  die Herberge über dem Hafen aufsuchen, der ist gut beraten nach meinem transparenten Kulturbeutel im 130 Betten Schlafraum Ausschau zu halten.  Da ist all das Zeug drin, was man so im Kulturbeutel hat.(kannst du dann alles wegschmeißen) Unter anderem aber auch ein Sonnenschutzlippenstift. Den vielleicht nicht sofort wegschmeißen sondern auseinandernehmen.  Hinter dem Fakestift steckt noch ein 100 Euro-Schein.

Kannste dann behalten 😫

17. Juli 2020 von TRICASTELA nach PORTOMARIN – 54,8 km

Was für ein verrückter Tagesstart.

Geplant hatten wir um 6.00 loszulaufen. Es wurde 7.15 Uhr.  Und das kam so:

Wir hatten uns gestern den Luxus gegönnt unsere Wäsche in der Maschine zu waschen und im Trockner zu trocknen.  Das Programm dauerte aber bis Mitternacht, einer Zeit, in der wir für gewöhnlich schlafen. Somit wollte ich also heute morgen den Trockner leeren und stolpere im Dunkeln dorthin. Ich greife in die Tonne und fühle: Nichts! Weg. Wo suchen? Also erst einmal das Licht einschalten. Mit uns ist eh nur noch eine andere Person im Schlafraum. (ethische Frage, ist die Quantität entscheidend für die Licht-an-frage?)

Die Wäsche stand in einem Korb aufgefalter vor meinem Bett (gute Herbergsmutter). Also im (wieder)  Dunkeln nach meiner und Matteos Wäsche getrennt. Mir fehlt ein t-shirt! Bei nur zweier in der Habe ist mir somit 50% abhanden gekommen.  Nicht gut.

Waschmaschine, Trockner und Rucksack Fehlanzeige.  Matteo hatte ein t-shirt zu viel 🙄. Problem gelöst.

Alles im Halbdunkeln, ohne Kaffee und bei totaler Unterbrechung unserer morgendlichen Routine, bei der wir sonst ohne Worte auskommen.  Um es kurz zu machen, wir waren kurzzeitig beide draußen, aber Teile unseres Gepäcks stand noch hinter der zugefallenen Haustür. Klingel defekt. Nur durch Klopfen,  das dem Einschlagen der Tür gleichkam, weckten wir die dritte Pilgerin. Glücklich war sie nicht… es ging so weiter, und um 7.15 Uhr starteten wir ohne Frühstück. 

Inzwischen 25 km zurückgelegt. Alles gut.

Es muss gegen 18.00 Uhr gewesen sein.  Wir waren gute 46 km gelaufen und kalkulierten, nach weiteren 4 km in Portomarin ankommen zu müssen. Es war heiß,  sehr heiß und wir durchliefen gerade ein winziges gallizisches Dorf, das irgendwie tot war. Vermutlich kam wegen der Hitze keiner vor die Tür. Dann klingelte es plötzlich,  und zwar direkt neben uns, ziemlich laut. Kein unbekanntes Geräusch, sondern das eines rollenden Ladens, das ankündigt zum Verkauf bereit zu stehen.  

Wie elektrisiert stoppte Matteo und meinte: I need a melone! In dem Satz klang kein Fragezeichen mit, nur ein Rufzeichen. Ich sagte ihm, die Sonne hätte ihm nicht gut getan, wir liefen noch fast eine Stunde. Das prallte an ihm ab. Er sprach sofort den Fahrer an, ob er eine halbe Melone kaufen könne, was der Fahrer freundlich ablehnte.  Matteo schaute mich an, ich nickte nur und wir kauften jeder eine halbe Melone. Die im jeweiligen Rucksack verpackt wurde. Auf die drei Kilo kam es auch nicht mehr drauf an. Der Fahrer schenkte uns noch jeweils eine Nektarine, weil ihm unser Schauspiel gefiel. Sicher hat er noch zwei Pilgern mitten im Nirgendwo eine Melone verkauft, die dann im Rucksack verschwindet.

16. Juli 2020 von VILLAFRANCA nach TRICASTELA – 56,7 km

gegen Mittag.

Was war das denn bislang für ein g-eiliger Tag, der schon gestern Abend seinen Anfang nahm.

Gegen 18.00 Uhr kam ein Nachzügler der das letzte freie Bett in unserem Raum belegte. Optisch dachte ich zunächst an einen Deutschen Peregrino, aber er sprach fließend italienisch. Wieder so einer. Mit dem ersten (Mauro) hatte ich sehr gute Erfahrungen gemacht, den zweiten (Semo) wollte ich nach zwei Stunden nicht unbedingt wiedersehen.  Jetzt also Matteo. Alle Namen enden auf „o“. Ich hoffe es wird kein „o-je“. Er erzählte in Leon gestartet zu sein – ok, klingt nicht besonders. Er ist Montag gestartet. Wow. Dann läuft er täglich 50 km. Das bestätigte er. Wir kamen ins Gespräch.

Dann sein Satz let us walk together, tommorow 

Dieser Satz erschrak mich ein wenig. Matteor ist jung, Thriatlet und sieht auch noch gut trainiert aus….ich willigte ein, schob sicherheitshalber aber meinen Fuß vor…man weiß ja nie. Sicher ist sicher.

6.00 Uhr ging es los. Vor uns lagen 30 km bis auf 1300 Meter Höhe. Wir waren die ersten, die starteten. Auch wohl die ersten die oben waren. 12.30 Uhr lagen tolle Strecken hinter uns, super Gespräche und auch viel Schweigen.  Wir wechselten von Kastilien nach Galicien und planen gerade weiter zu laufen, da wir beide nicht erschöpft sind. Irgendwie total klasse. Sieht er auch so. Er war das alleine laufen auch leid.

18.30 Uhr

Das war ein toller Tag. Wir puschten uns gegenseitig. Aber es war längst nicht nur die sportliche Leistung. Ganze Lebensgeschichten wurden ausgetauscht und wir halten auch das Schweigen sehr gut miteinander aus. Christina, Mauro, Luca und Matteo prägten und prägen diesen Weg.  Es gibt noch viele Menschen, mit denen ich ins Gespräch kam, doch es werden Randfiguren bleiben, ich sage das, ohne dass ihnen gegenüber die Wertschätzung fehlt. 

Matteo und ich haben unser gemeinsames Feuer für die Langstrecke entdeckt. Auch für morgen planen wir ein längeres Stück. Außer Frage, das wir zusammen laufen. 

Heute waren es auf den Meter 55 km und es geht uns gut. Gleich werden wir noch kurz in die Stadt gehen und dann muss gut sein für heute.

15. Juli 2020 von RIEGO DE AMBROS nach VILLAFRANCA – 44,0 km

Inzwischen in Ponferrada angekommen.  Habe den Weg über die Straße gewählt. Der Camino verliert über Schotterwege auf 4,5 km 400 Höhenmeter. Der Weg über die Straße ist ca 3 km weiter, dadurch aber auch das Gefälle nicht so extrem. Den Weg hätte meine Achillessehne böse quittiert. Zudem war es um 6.00 Uhr noch stockdunkel.  Hier in Ponferrada soeben den ersten Kaffee genossen. Jetzt geht es weiter…

11.15 Uhr

Ponferrada zurückgelassen.  Wirklich ansprechend wirkte die Stadt auf mich nicht. Okay,  eine Burg hatte sie, geschickt aufeinander gelegtes Gestein….irgendwie gefällt mir moderne Architektur besser….

14.45 Uhr / Herberge Villafranca

Im Gestrüpp befinden sich doch manchmal so winzige kleine Pflanzenteile mit noch winzigeren Widerhaken. Wenn die dann getrocknet sind hat man schon mal dieses kleine braune Etwas am Strumpf „kleben“ und man braucht ewig, die wieder aus der Socke zu bekommen ohne Rückstände,  die eh nur piksen.

Also um es kurz zu machen: Ich bringe euch ganz viele Teile davon als Andenken aus Spanien mit. Jeder bekommt so viele er möchte. Ihr bekommt sie mit T-shirt, Hose, Strümpfe, U-hose, Halstuch, Maske, Handschuhe und Hemd. 

Als ich nach exakt 40 km um 14.45 Uhr die Herberge in Villafranca erreichte begann ich mit dem täglichen Procedere: Schuhe desinfizieren, Rucksack desinfizieren  und in einen Plastikbeutel verpacken. Bett mit Einweggarnitur beziehen, mich selbst zu duschen und dann alle Klamotten in Handwäsche reinigen. Wenn noch ein Stück freie Wäscheleine zu bekommen ist,  darf der Waschprozess nicht allzu lange dauern, weil dann die Wäscheleine belegt sein könnte. Bei Wäscheleine und Wäscheklammern verstehen Pilger keinen Spaß.  

Mit der ganzen „frisch“ gewaschenen Wäsche im Arm, triefend nass, sputete ich mich mit Badeschlappen den kleinen Hügel hoch zu kommen, an dessen Top die Wäscheleine angebracht ist.  Geschafft! Lege also die ganze Wäsche irgendwie auf die Leine, um sie dann einzeln aufzuhängen, doch da fand sie keinen Halt und es purzelte alles ins Gestrüpp. Nochmal waschen und wenn ich heute Abend gaaaanz viel Lust habe, friemel ich von der Wäsche die ersten kleinen braunen hässlichen Teile mit Widerhaken. 

14. Juli 2020 Von MURIAS DE RICHIVALDO nach RIEGO DE AMBROS – 42,7 km

8.45 Uhr

5.00 klingelte der Wecker und holte mich aus einer kölner Klinik in der ich gerade behandelt wurde, wenngleich es mir gut ging. Paul (ja Päule, du!) hatte mich dahin gefahren gegen meinen Willen, er hielt es für wichtig. Ich wusste nicht, warum es wichtig war, ließ es aber über mich ergehen. 

Bevor noch mehr passierte klingelte zum Glück der Wecker.

Und dann diese abgrundtiefe blöde Gewissheit: heute ist alles Scheiße. Brauchte mir überhaupt keiner sagen „wird schon“ oder „komm mal runter“ den hätte ich zusammengestaucht. Aber es war eh keiner da, der mir hätte etwas sagen können,  ich hatte die Herberge ja für mich allein. 

Ich wollte, dass alles Scheiße ist, ich brauche das jetzt. Einfach so. Basta!

Kein Frühstück – Scheiße! Es ist kalt – Scheiße! Ich habe Hunger! Durchwühle meinen Küchenbeutel nach Essbarem. Ein altes Stück Weißbrot. Stecke es in den Mund. SCHEIßE!!!! das war der schöne Stein vom Weg gestern. Zum Glück hatte ich nicht zugebissen. Mich wunderte seine Temperatur. Ich mache erst einmal Volllicht an. Stirnlampe reicht nicht.

Ich suhle mich in meiner schlechten Laune.

Unterwegs dann die Generalfrage, die mich jedesmal erwischt, wenn ich unterwegs bin und die Laune im Keller: Warum latsche ich hier durch die Gegend.  Jetzt ist es zu kalt, gleich ist es zu heiß. Und ich habe immer noch Hunger. Zuhause steht mein Camper, mein Bett und der Kühlschrank wäre voll. Ich habe die Latscherei doch gar nicht nötig. Kommt eh nichts bei herum.

Nach 17,73 km eine geöffnete Bar. Ok, das ist alles andere als Scheiße. Einen doppelten cafe con leche, ein großes Boccadillo mit Käse und Tomaten. Geil!.

Nein, Scheiße! Der Wirt hat seine Hand in der Hose, um einiges zu richten. Ich spreche hier nicht von der Hosentasche. Ok, auch Jogi Löw hatte seine Hand in der Hose, aber der sollte mir auch kein Boccadillo schmieren. Ab jetzt lasse ich den Wirt nicht mehr aus den Augen.  Wäscht er sich die Finger?

Nein, tut er nicht. Wenigstens trägt er eine Maske. Dann ist ja alles halb so schlimm.

11.08 Uhr

In Anlehnung an meinen Traum, der mich in eine Kölner Klinik schickte, meine Patientenverfügung für heute: keine Maschinen zur Verlängerung lebenserhaltender Maßnahmen mit einer Ausnahme: Kaffeemaschine ist ok.

Die hat heute vormittag Wunder bewirkt: Das Leben ist schön!!!

Foncebadòn, ca 1450 Meter hoch. Mit Frühstück im Bauch kein Problem. 

Ich erinnere mich noch an 2008. Da war ich zum ersten Mal in Foncebadòn. Damals musste ich noch mit meinen Stöcken Hunde fernhalten.  Heute sehe oder höre ich nicht einen Hund. Zudem hat sich das Dörfchen gewandelt. Irgendwie touristisch erschlossen- so nennt man es wohl, wenn Werbetafeln die Straße zieren, wie es in meiner Jugend die Marien- und Heiligenfiguren zu Fronleichnam taten.

15.30 Uhr

Riego de Ambros nach ca 40 km erreicht.

Das Absteigen von Cruz de Ferro (1495 Meter) auf 919 Meter hier in Riego de Ambros war nicht gerade gelenkschonend.

Der Weg war ganz schrecklich. Mehr Geröll als normaler Fußweg. Dabei stellenweise sehr steil. Meine rechte Achillessehne und mein linkes Knie schmiedeten einen Plan, dem ich mich zu fügen hatte.  Sie ließen gelegentlich aufblitzen, wie so ein Schmerz sein könnte, wenn ich beiden keine Ruhe gönne. Ok, die haben Knie und Verse nun. Morgen geht es weiter abwärts.

In der Herberge bin ich wieder der einzige Gast und – wie es scheint – auch der einzige Gesprächspartner für den Herbergsvater weit und breit.  Ein wenig sucht er schon die räumliche Nähe, ist aber super nett und hilfsbereit.

Es ist angenehm nicht in den großen Städten abzusteigen sondern in den Dörfern ein paar Kilometer hinter einem Hotspott. 

Werde versuchen jetzt etwas zum Essen aufzutreiben.  Einen Laden (den Ausdruck Supermarkt finde ich eh in 95% der Läden übertrieben) gibt es hier nicht. Meine einzige Hoffnung ist die Bar, die gestern aber schon – nach Aussage des Hospitalieros – mangels Masse den Schlüssel umgedreht hatte. 

17.00 Uhr

Manchmal bin ich sprachlos, weil ich alle Superlativen gestern schon verbraucht habe. Und Superlativen inflationär gebraucht, werden zu Worthülsen. 

Ich versuche es in einer nüchternen Beschreibung. 

Die BAR ist ein Restaurant und zwar ein geöffnetes. Ich bat um ein vegetarisches Essen.  Sofort sprach der Besitzer mit dem Koch.

Vorspeise: eine eiskalte pürierte Gemüsesuppe mit viel Knoblauch. Eiskalt irritierte zunächst meine Geschmacksnerven, ließen sie dann jedoch explodieren. Ich hätte mich reinsetzen können. 

Dann gab es mit Käse überbackene Auberginen mit Honigsouße. Fantastisch.

Zum Nachtisch einen Espresso mit braunem Rohrzucker. 

Wenn das so weitergeht entwickelt sich der Pilgerweg zur kulinarischen Reise.

13. Juli 2020 von VILLADANGOS DEL PARAMO nach MURIAS DE RICHIVALDO – 43,5 km

Inzwischen war es ein paar Minuten nach sieben Uhr. Eine Stunde war ich stumpf den gelben Pfeilen gefolgt, als ich ca 200 Meter vor mir drei Männer sah, die etwas zu suchen schienen. 

Bisher hatte der Tag nichts nennenswertes bereit gehalten,  das sollte sich jetzt ändern. Je näher ich kam, umso sicherer war ich mir, sie suchten etwas. Das schien auch schon länger der Fall zu sein, denn die Rucksäcke lagen schon im Gras. Mit ihren Teleskopstöcken teilten sie das dichte Gras und Gestrüpp, schienen aber nicht fündig.

Als ich den ersten erreicht hatte, fragte ich ihn, was sie verloren hätten, da ich in dem Moment ja noch bereit war zu helfen. Der Gefragte schien aufgrund der Fragte irritiert und belustigt zugleich,  so als ob er überlegte, mir den Grund des Suchens überhaupt nennen zu wollen. Dann platzte es doch aus ihm heraus. Er zeigte auf den weiter entfernten Mann mit ausgestrecktem Arm. Setzte ein breites Grinsen auf und sagte mir nicht ohne Freude „der da vorne hat seine Zähne verloren.  Plötzlich sind sie ihm aus dem Mund ins Gras gefallen und jetzt suchen wir die“.

Mir fiel sofort ein Spruch von Heinz Erhard ein, der schon vor Jahrzehnten sagte „mir fallen im Laufe des Tages viele Worte aus dem Gehege meiner Zähne, was aber besser ist, als fiele mir das Gehege meiner Zähne ins Wort.“ 

Mein Hilfsbereitschaft mich an der Suche zu beteiligen hielt sich in Grenzen und ich zog weiter. Notierte mir aber im Hinterkopf,  (sollte es mal dazu kommen, dass das Gehege meiner Zähne neben mir einschläft) die Packliste meines Rucksacks zu ergänzen: KUKIDENT

13.7.20 / vormittags / 7 oder 8 km vor Astorga

Dann ist da noch die Geschichte mit Samo. Ich hatte den Weg über die Hügel gewählt. Die schönere und ein wenig weitere Variante des Jakobsweges. 

Ich genoss die Landschaft, wenngleich der Weg über grobes Gestein etwas mühsam war. Plötzlich sitzt jemand vor mir. Mitten auf dem Weg. Breitbeinig, eine Zigarette im Mund grinst mich dieser Mann an. Anfang 20 und Haare, wie sie eben wachsen, auf dem Kopf und auch am Kinn.

Er wirkte sympathisch in seiner unschuldigen Art und während ich ihn noch versuchte wahrzunehmen drückte er seine Zigarette aus, trank einen Schluck aus seiner metallenen Isoflasche und begrüßte mich herzlich. Sogleich stand er auf und signalisierte „Wir gehen jetzt zusammen“. Mir war es recht.

Wieder ein Italiener,  er kam aus Milano. Sein Herz lag ihm auf der Zunge. Er habe sich nach Corona erst einmal eine Auszeit genommen (wovon, fragte ich ihn nicht),  wolle anschließend studieren, wisse noch nicht genau was. Vielleicht Philosophie, vielleicht Erzieher. Ganz langsam fing mein rotes Lämpchen an zu leuchten. 

Wir kamen dort in der Einöde an einem Haus vorbei, dessen Bewohner es gut mit Pilgern meinten und hatten Kaffee, Tee und auch Bananen hingestellt.  Daneben ein Schild: For you! Gift/Donativo. Also ein Geschenk für das sie oder er eine kleine Spende erbittet. Durchaus üblich in Spanien. 

Er sagte laut: Oh, gift. Den Rest las er nicht, packte sich vier der 6 Bananen in seinen Rucksack, erklärte noch: My lunch, und ließ es gut sein. Mir behagte das Verhalten nicht,  schwieg aber.

Das weitere Gespräch legte ähnliches Verhalten offen, immer ging es darum, wie man möglichst günstig durch dieses Land kommt. Ich selber hörte aber auch jedesmal den Nachsatz „auf Kosten anderer“ und so wurde in mir der Entschluss wach, dass ich nicht mehr lange mit ihm laufen möchte.

Bei der nächsten Wasserpause sagte ich ihm, ich ginge zur nächsten Bar, um einen Kaffee zu trinken. Seine Antwort, er würde sehr gerne mit mir einen Kaffee trinken,  habe aber gerade kein Geld dabei.

Ein Lebenskünstler, dachte ich nur. Liege ich richtig, wenn ich „Lebenskünstler“ so umschreibe, dass sich dieser Mensch erhofft für das Kunstwerk,  das er selber ist, von anderen entlohnt zu werden?

Ich erhole mich gerade in Astorga vor dem Gaudipalast, werde mir die Kathedrale ansehen und dann noch 10 km laufen. 

14.45 Uhr

Punktsieg gegen Hans Gerd.

( der hat nämlich zwei Engelchen auf seiner Schulter sitzen. Eines von beiden zieht ab und zu ein „B“ vor sich, nur zur Tarnung. Es ist nicht immer eindeutig, auf welches Engelrecht das Gute, und welche das Bengelchen ist.)

Geplant war, 10 km hinter Astorga eine Unterkunft zu suchen.  Nun bot sich aber 4 km hinter Astorga eine schnuckelige Herberge an. Beide Engelchen zugleich: „Lauf weiter du faule Sau!“ – „jetzt lass mal gut sein, denk an deinen Körper!“

Ich bin abgestiegen,  nach 41 km. Vernunft hat gesiegt. 🤭 Qod erat demonstrandum (dabei dachte ich bisher, die schalte ich demonstrativ beim Laufen aus, oder besser gesagt: meine Vernunft ist laufend ausgeschaltet. Das wiederum könnte den Schluss nahelegen, ich besitze keine Vernunft – wie auch einige behaupten. Das ist nun widerlegt)

Bin der einzige Gast. 

19.00 Uhr

Vergesst Leon, vergesst Astorga, lasst alles links liegen,  wenn ihr richtig gut essen wollt. Eine selbstgemachte Kürbissuppe mit frischem Brot zur Vorspeise.  Da ich vegetarisch bestellt hatte durfte ich dann Soja mit Gemüseallerlei zu mir nehmen. Zum Dessert gab es einen frischen Kuchen, der eine Buttermilchcreme enthielt und mit Schokolade verfeinert war.

Die Portionen waren so groß,  dass ich mich definitiv überessen habe. 

Und nur die Tatsache, dass ich über Essen-poster bei whattsapp regelmäßig lästere (deutsches Stilleben: Riesenschnitzel mit Pommes und weißer Majonaisencreme) bewahrt euch davor hier jetzt Fotos dieser Mahlzeit zu sehen. Fast schon schwankte ich, aber ich blieb standhaft. Früher schickten wir vor dem Essen ein Gebet zum Himmel und sagten Dank. Heute machen wir ein Foto vor dem Essen schicken es in die ganze Welt und erhoffen Bewunderung. 

Diese Mahlzeit hätte beides verdient gehabt. Dank an den Himmel und Werbung.

Wo es diese gab?

In der Albergue las Aguedas in Murias de Rechivaldo. Zubereitet vom Herbergsvater selbst.

12. Juli 2020 von MANSILLA DE LAS MULAS nach VILLADANGOS DEL PARAMO – 43,9 km

Draußen donnert es. Blitze sehe ich nicht, und der Regen hat sich auch noch nicht gezeigt.  Der bewölkte Himmel lässt mich hoffen, heute keinen ganz so warm Tag erleben zu müssen. Es ist schon kurz vor sieben Uhr und an normalen Werktagen hätte ich schon zwischen 5 und 10 Kilometer unter die Füße genommen.  Aber heute ist Sonntag. Freue mich auf den Tag. Auch darauf, mit dem Erreichen von Leon die Meseta endlich wieder verlassen zu dürfen. 

10.50 Uhr

Soeben Leon erreicht. Von oben ist die Stadt überschaubar, tauchte ich aber erst einmal ein verliere ich mich fast in den kleinen und großen Straßen.  

Jetzt werde ich die Kathedrale kurz besuchen und dann weiterziehen.  

16.45 Uhr

Jetzt könnte meine tägliches Kilometerfressen teuer werden.

Ich habe die Corona-Öffnungswelle überholt.

Am 1. Juli öffnete Spanien die Grenze. Mit dieser Öffnung auch die ersten Herbergen in Grenznähe. Zeitlich versetzt öffneten dann Tage später die Herbergen,  die etwas ferner der Grenze liegen. In etwa dem Pilgerstrom (Pilgerströmchen), öffneten die Herbergen. So gab es Termine, wie den 5. / 10. / 15. Juli.

Hinter Leon öffnen – wie es aussieht – die Herbergen nach dem 15. Juli.

Folge, in den letzten drei Ortschaften gab es für mich keine geöffnete Pilgerherberge.

Neben dem Preis (Herbergen zwischen Spende / 5-10 €) ist auch das Ambiente ein anderes, als ein Hotel es bieten kann.

Vom gemeinsamen Kochen, gemeinsamem Abendessen, Andachtsangebot, Gespräch bietet eine Pilgerunterkunft eben auch etwas für den Geist. 

Der Körper scheint manchmal etwas vernachlässigt zu werden, wenn man die winzigen und wenigen Duschen für – in nicht Coronazeiten – Scharen von Pilgern betrachtet. Oder die Betten,  die noch aus Zeiten stammen, in denen der Durchschnittsmensch nicht länger als 1,80 Meter war. 

Im Gegenzug findet man Handwaschbecken und Wäscheleinen, um die tägliche Wäsche zu reinigen.  Das sucht man im Hotel vergebens, weshalb ich hier eine Leine durchs ganze Zimmer spannen muss, denn bei drei Garnituren kann ichs auf Waschen nicht verzichten. 

Dafür bietet das Hotel kleine Handwaschseife, die sich zur Reinigung bestens geeignet ist. Und deren Reste auch in der Herberge noch zu gebrauchen sind. 

Der für mich größte Nachteil ist ein gefühlter. 

Mit dem Einchecken in ein Hotel verlasse ich den Pilgerweg und tauche wieder in meine Alltagswelt ein. Morgens brauche ich eine gewisse Zeit um wieder in den Weg einzutauchen.  Es fühlt sich an, wie in zwei Welten zu leben. Die Pilgerwelt ist die einfache. Alles dreht sich um laufen, essen und schlafen. Das Leben ist einfach und in gewisser Weise auch leicht.

Die „normale“ Welt verlangt Differenzierungen,  ist kompliziert und hat einen anderen Spirit.