16. Dezember (Mittwoch der 3. Adventswoche)

nachdem ich die Pforte des Gefängnisses erreicht habe, muss ich bis zu meinem Büro neun schwere Stahltüren auf- und wieder zuschließen. An das Geräusch des Knochens (wie der Schlüssel seiner Form wegen hier im Knast heißt) habe ich mich gewöhnt. Will ich von meinem Büro zu einem Haftraum liegen wieder ungezählte Stahltüren vor mir. “Mal eben” geht bei uns nichts. Öffne ich die Haftraumtür, versuche ich sie behutsam zu öffnen. Hinter der Tür – so weiß ich – fühlen sich viele Inhaftierte unwohl, wenn der Schlüssel als Machtinsignium gebraucht wird. Der Schlüssel drückt Macht aus. Lautes kräftiges schließen drückt eine Botschaft aus. Ebenso das bewusst leise schließen. Der Schlüssel steht bei vielen für die Freiheit. Wer den Schlüssel hat, ist frei. Mit der Art und Weise wie ich eine Zellentür aufschließe kann ich die Stimmung dessen beeinflussen, der hinter der Tür lebt. Ich kann ihm das Gefühl geben machtlos zu sein (alle Macht liegt bei mir) oder ich kann mit meiner Art zu schließen ihm schon signalisieren, dass ich ihn respektiere. 

Ohne sich gesehen oder gesprochen zu haben kann die Chemie zwischen dem Inhaftieren und dem Schlüsselträger schon verdorben sein. Oder, wenn es gut läuft, freut sich der Gefangene, dass die Tür aufgeht.

Vielleicht betritt Gott diese Welt deshalb auf den Füßen eines Kindes. 

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