21. Juli 2020

San Sebastian – 23.15 Uhr

„Todos los pasajeros ahora cambian a los autobuses que van a su ciudad de destino.  „

Ich verstehe kein Wort. Der Fahrer kann mir viel erzählen.  Hat er in den letzten 11 Stunden auch gemacht und es war jedesmal der Hinweis,  dass wir eine kurze Pause machen für die menschlichen Anliegen. Ich blieb also sitzen, hatte kein menschliches Anliegen. 

Es wunderte mich schon, dass ich plötzlich alleine im Bus saß.  Den Fahrer wunderte es auch und er fing an in fließendem Spanisch auf mich einzureden.  Warum nur hatte ich das Gefühl, dass es mich dieses mal sehr wohl etwas anging? Aber ich verstand immer noch nicht. 

Ich wies mit dem Finger auf den Boden des Busses und fragte: Bus – Paris? Und erhielt zugleich die Antwort: nix Paris. Er wies ganz meiner Manier folgend mit seinem Finger auf die Tür und sagte „Paris“ vermutlich sollte ich erst einmal aussteigen, um eine realistische Chance habe nach Paris zu kommen. 

Also raus. 

Draußen ging es vielen Menschen wie mir. Menschen,  die aus anderen Bussen vor die Tür gesetzt worden waren. Egal wen ich ansprach, englisch verstand keiner. Könnte ein Hinweis darauf sein schon Frankreich erreicht zu haben,  aber ich wusste doch im Busterminal von San Sebastian zu sein. Das hatte mir Google Map verraten. 

Nun standen ca 40 Menschen einfach nur rum. Eine gewisse Nervösigkeit hatte die meisten beschlichen. Die anderen wussten vermutlich,  was los war.

Dann kam endlich ein Kümmerer in gelber Tarnweste. Hinter auf dem Rücken stand dick und fett: INTERCAMBIADOR.  Es ist ein WÄRMEAUSTAUSCHER verrät mir Google und ich denke sofort „nein, das will ich nicht!“ Aber er macht trotz aller Hektik unter den Wartenden einen freundlichen Eindruck.  Ich schließe mich der Gruppe an, die ihm das Wort Paris?? oder Päriss?? an den Kopf werfen. Dieses mal nicht nur mit dem Finger gestikulierend, sondern mit dem ganzen Oberkörper. 

Die Schultern werden nach oben gezogen und die Hände in die Luft gestreckt. „Yoga im Busterminal“ denke ich nur. Schade, dass es nicht synchron läuft, könnte nett aussehen. Der Wärmeaustauscher, ein total schlanker Mann (kein Wunder, wenn der jede Nacht so einen Stress hat) benutzt jetzt nur den Finger, zeigt an die Wand und deutet unmissverständlich an, wir sollen uns da an die Wand stellen.  Dann zeigt er mit dem selben Finger auf den Fußboden was ich als „und da bleiben sie erst mal stehen“ interpretiere. Wir Unwissenden brechen unser Yoga ab und stellen uns allesamt brav an die Wand.

Der Wärmeaustauscher verschwindet. Jetzt stehen wir da. Einer älteren Frau wird es zuviel und will sich auf eine kleine Stufe setzen (ich sitze da schon). Sie kommt aber nicht runter. So biete ich ihr meine Hilfe an. Es waren noch zwei Männer von Nöten diese 1,60 Meter große Frau auf den Boden (naja, die Stufe hatte ca. 20 cm) zu setzen. 

Mir schoss durch den Kopf “ dein Vertrauen in Ehren, und wenn wir dir nicht mehr helfen hochzukommen weil der Bus kommt?“

Sie sprach auf spanisch ununterbrochen auf mich ein. Mein „no espanol“ interessierte sie nicht wirklich.

Irgendwann gab sie auf. Ruhe war. In der Zwischenzeit erschien der Wärmeaustauscher wieder und als er sah, dass die meisten noch an der Wand standen und zwei Menschen auf dieser kleinen Stufe saßen, die eigentlich die Busbucht vom Fußvolk trennt, war er zufrieden und telefonierte fleißig vor sich hin. Ich notierte mir nur, wenn er telefoniert macht er auch Yoga: Schultern hoch und runter und auch die freie Hand zum Himmel und um sich weisend. 

Der letzte Bus im Terminal war inzwischen abgefahren.  Aber er, der Wärmeaustauscher strahlte mit seinen 1,70 Meter Größe und einer Kleidergröße von 38 soviel Autorität aus, dass wir immer noch brav stehen, bzw sitzen blieben. 

Dann fuhr ein Bus ein. Die Menschenansammlung wurde merklich unruhig. Die Frau, die bis dato brav auf ihrer 20 cm Stufe saß,  auf die wir sie zu dritt gehieft hatten, schaute sich zunächst irritiert um, fing dann an mit den Armen zu rudern „du hast keine Chance da alleie hoch zu kommen“ dachte ich. Stand dann selber auf, griff ihr unter die Arme. Aber auch dieses mal reichte ich nicht. Ihr Bodymaßindex war unvorteilhaft für diese Aufstehübung. Wieder waren zwei weitere Personen notwendig, sie aufzurichten. Als sie stand verschwand sie ohne Worte mit ihrem Rollköfferchen. Merkte dann aber wohl, dass sie gar nicht wusste, wohin sie denn sollte,  zwei weitere Busse waren ins Terminal gefahren. Sie ruderte zurück. Der Wärmeaustauscher stand genau zur Stelle und wies uns an – mit Hilfe seines Fingers – wir mögen zu dem Bus gehen, auf den er zeigte.

Die Reihe an der Wand wurde zur Weintraube am Bus. Ticketkontrolle. Einer war dabei, der hätte sich besser nicht mit in unsere Reihe gestellt, der Herdentrieb hatte ihn angelockt und Sicherheit gegeben.  So war sein Bus schon abgefahren. Der Wärmeaustauscher erwies sich erneut als Kümmerer. Telefon. Yoga und der Irrläufer stieg in unseren Bus (wird später an einer Tankstelle einem anderen Bus übergeben).

Wir stiegen alle ein und fragten uns,  woher der Kümmerer diesen Bus denn aufgetrieben hatte.  Ungeputzt und nach fünf Minuten bis auf den letzten Platz besetzt. Ein Fernseher läuft und zeigt uns irgendeinen Ballerfilm. Wir gucken aber nicht hin. Wir stehen noch. Ganze Dramen spielen sich ab. Pärchen werden getrennt auf die Plätze positioniert und Einzelfahrer erhoffen die anderen täuschen zu können,  indem sie ihr „Handgepäck“ auf den Nachbarsitz stellen. Das haben die nun davon. Jetzt stehen die 10 kilo Handgepäck auf ihrem Schoß. 

Eine Frau dreht durch. Schreit in einer mir unverständlichen Sprache wild durch die Gegend. Sie findet damit auch kein Ende. Schreit Mitreisende an. Ich sitze zum Glück in sicherer Entfernung. Mein „no espanol“ hätte sie vermutlich eher handgreiflich werden lassen als beruhigt.

Der Fahrer weigert sich zu fahren solange die Frau tobt. Interessiert sie nicht.

Zum Glück kümmern sich dann andere. Eigentlich sogar sehr viele,  was auf mich keinen sehr deeskalierenden Eindruck macht. Krisenintervention sieht anders aus.  „Wir kommen hier nie weg“ dachte ich nur, als die Hälfte der Belegschaft sich lauthals um die Frau kümmert. Die andere Hälfte ist – wie ich – vermutlich der Sprache nicht mächtig.

Plötzlich ist Ruhe. Ganz plötzlich. Mir vollkommen unverständlich.  Ich sollte meinen Kriseninterventionsansatz noch einmal überdenken. Die Türen schließen und der Fahrer fährt los. Ich versuche jetzt erst einmal zu schlafen. 

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