14. Juli 2020 Von MURIAS DE RICHIVALDO nach RIEGO DE AMBROS – 42,7 km

8.45 Uhr

5.00 klingelte der Wecker und holte mich aus einer kölner Klinik in der ich gerade behandelt wurde, wenngleich es mir gut ging. Paul (ja Päule, du!) hatte mich dahin gefahren gegen meinen Willen, er hielt es für wichtig. Ich wusste nicht, warum es wichtig war, ließ es aber über mich ergehen. 

Bevor noch mehr passierte klingelte zum Glück der Wecker.

Und dann diese abgrundtiefe blöde Gewissheit: heute ist alles Scheiße. Brauchte mir überhaupt keiner sagen „wird schon“ oder „komm mal runter“ den hätte ich zusammengestaucht. Aber es war eh keiner da, der mir hätte etwas sagen können,  ich hatte die Herberge ja für mich allein. 

Ich wollte, dass alles Scheiße ist, ich brauche das jetzt. Einfach so. Basta!

Kein Frühstück – Scheiße! Es ist kalt – Scheiße! Ich habe Hunger! Durchwühle meinen Küchenbeutel nach Essbarem. Ein altes Stück Weißbrot. Stecke es in den Mund. SCHEIßE!!!! das war der schöne Stein vom Weg gestern. Zum Glück hatte ich nicht zugebissen. Mich wunderte seine Temperatur. Ich mache erst einmal Volllicht an. Stirnlampe reicht nicht.

Ich suhle mich in meiner schlechten Laune.

Unterwegs dann die Generalfrage, die mich jedesmal erwischt, wenn ich unterwegs bin und die Laune im Keller: Warum latsche ich hier durch die Gegend.  Jetzt ist es zu kalt, gleich ist es zu heiß. Und ich habe immer noch Hunger. Zuhause steht mein Camper, mein Bett und der Kühlschrank wäre voll. Ich habe die Latscherei doch gar nicht nötig. Kommt eh nichts bei herum.

Nach 17,73 km eine geöffnete Bar. Ok, das ist alles andere als Scheiße. Einen doppelten cafe con leche, ein großes Boccadillo mit Käse und Tomaten. Geil!.

Nein, Scheiße! Der Wirt hat seine Hand in der Hose, um einiges zu richten. Ich spreche hier nicht von der Hosentasche. Ok, auch Jogi Löw hatte seine Hand in der Hose, aber der sollte mir auch kein Boccadillo schmieren. Ab jetzt lasse ich den Wirt nicht mehr aus den Augen.  Wäscht er sich die Finger?

Nein, tut er nicht. Wenigstens trägt er eine Maske. Dann ist ja alles halb so schlimm.

11.08 Uhr

In Anlehnung an meinen Traum, der mich in eine Kölner Klinik schickte, meine Patientenverfügung für heute: keine Maschinen zur Verlängerung lebenserhaltender Maßnahmen mit einer Ausnahme: Kaffeemaschine ist ok.

Die hat heute vormittag Wunder bewirkt: Das Leben ist schön!!!

Foncebadòn, ca 1450 Meter hoch. Mit Frühstück im Bauch kein Problem. 

Ich erinnere mich noch an 2008. Da war ich zum ersten Mal in Foncebadòn. Damals musste ich noch mit meinen Stöcken Hunde fernhalten.  Heute sehe oder höre ich nicht einen Hund. Zudem hat sich das Dörfchen gewandelt. Irgendwie touristisch erschlossen- so nennt man es wohl, wenn Werbetafeln die Straße zieren, wie es in meiner Jugend die Marien- und Heiligenfiguren zu Fronleichnam taten.

15.30 Uhr

Riego de Ambros nach ca 40 km erreicht.

Das Absteigen von Cruz de Ferro (1495 Meter) auf 919 Meter hier in Riego de Ambros war nicht gerade gelenkschonend.

Der Weg war ganz schrecklich. Mehr Geröll als normaler Fußweg. Dabei stellenweise sehr steil. Meine rechte Achillessehne und mein linkes Knie schmiedeten einen Plan, dem ich mich zu fügen hatte.  Sie ließen gelegentlich aufblitzen, wie so ein Schmerz sein könnte, wenn ich beiden keine Ruhe gönne. Ok, die haben Knie und Verse nun. Morgen geht es weiter abwärts.

In der Herberge bin ich wieder der einzige Gast und – wie es scheint – auch der einzige Gesprächspartner für den Herbergsvater weit und breit.  Ein wenig sucht er schon die räumliche Nähe, ist aber super nett und hilfsbereit.

Es ist angenehm nicht in den großen Städten abzusteigen sondern in den Dörfern ein paar Kilometer hinter einem Hotspott. 

Werde versuchen jetzt etwas zum Essen aufzutreiben.  Einen Laden (den Ausdruck Supermarkt finde ich eh in 95% der Läden übertrieben) gibt es hier nicht. Meine einzige Hoffnung ist die Bar, die gestern aber schon – nach Aussage des Hospitalieros – mangels Masse den Schlüssel umgedreht hatte. 

17.00 Uhr

Manchmal bin ich sprachlos, weil ich alle Superlativen gestern schon verbraucht habe. Und Superlativen inflationär gebraucht, werden zu Worthülsen. 

Ich versuche es in einer nüchternen Beschreibung. 

Die BAR ist ein Restaurant und zwar ein geöffnetes. Ich bat um ein vegetarisches Essen.  Sofort sprach der Besitzer mit dem Koch.

Vorspeise: eine eiskalte pürierte Gemüsesuppe mit viel Knoblauch. Eiskalt irritierte zunächst meine Geschmacksnerven, ließen sie dann jedoch explodieren. Ich hätte mich reinsetzen können. 

Dann gab es mit Käse überbackene Auberginen mit Honigsouße. Fantastisch.

Zum Nachtisch einen Espresso mit braunem Rohrzucker. 

Wenn das so weitergeht entwickelt sich der Pilgerweg zur kulinarischen Reise.

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