13. Juli 2020 von VILLADANGOS DEL PARAMO nach MURIAS DE RICHIVALDO – 43,5 km

Inzwischen war es ein paar Minuten nach sieben Uhr. Eine Stunde war ich stumpf den gelben Pfeilen gefolgt, als ich ca 200 Meter vor mir drei Männer sah, die etwas zu suchen schienen. 

Bisher hatte der Tag nichts nennenswertes bereit gehalten,  das sollte sich jetzt ändern. Je näher ich kam, umso sicherer war ich mir, sie suchten etwas. Das schien auch schon länger der Fall zu sein, denn die Rucksäcke lagen schon im Gras. Mit ihren Teleskopstöcken teilten sie das dichte Gras und Gestrüpp, schienen aber nicht fündig.

Als ich den ersten erreicht hatte, fragte ich ihn, was sie verloren hätten, da ich in dem Moment ja noch bereit war zu helfen. Der Gefragte schien aufgrund der Fragte irritiert und belustigt zugleich,  so als ob er überlegte, mir den Grund des Suchens überhaupt nennen zu wollen. Dann platzte es doch aus ihm heraus. Er zeigte auf den weiter entfernten Mann mit ausgestrecktem Arm. Setzte ein breites Grinsen auf und sagte mir nicht ohne Freude „der da vorne hat seine Zähne verloren.  Plötzlich sind sie ihm aus dem Mund ins Gras gefallen und jetzt suchen wir die“.

Mir fiel sofort ein Spruch von Heinz Erhard ein, der schon vor Jahrzehnten sagte „mir fallen im Laufe des Tages viele Worte aus dem Gehege meiner Zähne, was aber besser ist, als fiele mir das Gehege meiner Zähne ins Wort.“ 

Mein Hilfsbereitschaft mich an der Suche zu beteiligen hielt sich in Grenzen und ich zog weiter. Notierte mir aber im Hinterkopf,  (sollte es mal dazu kommen, dass das Gehege meiner Zähne neben mir einschläft) die Packliste meines Rucksacks zu ergänzen: KUKIDENT

13.7.20 / vormittags / 7 oder 8 km vor Astorga

Dann ist da noch die Geschichte mit Samo. Ich hatte den Weg über die Hügel gewählt. Die schönere und ein wenig weitere Variante des Jakobsweges. 

Ich genoss die Landschaft, wenngleich der Weg über grobes Gestein etwas mühsam war. Plötzlich sitzt jemand vor mir. Mitten auf dem Weg. Breitbeinig, eine Zigarette im Mund grinst mich dieser Mann an. Anfang 20 und Haare, wie sie eben wachsen, auf dem Kopf und auch am Kinn.

Er wirkte sympathisch in seiner unschuldigen Art und während ich ihn noch versuchte wahrzunehmen drückte er seine Zigarette aus, trank einen Schluck aus seiner metallenen Isoflasche und begrüßte mich herzlich. Sogleich stand er auf und signalisierte „Wir gehen jetzt zusammen“. Mir war es recht.

Wieder ein Italiener,  er kam aus Milano. Sein Herz lag ihm auf der Zunge. Er habe sich nach Corona erst einmal eine Auszeit genommen (wovon, fragte ich ihn nicht),  wolle anschließend studieren, wisse noch nicht genau was. Vielleicht Philosophie, vielleicht Erzieher. Ganz langsam fing mein rotes Lämpchen an zu leuchten. 

Wir kamen dort in der Einöde an einem Haus vorbei, dessen Bewohner es gut mit Pilgern meinten und hatten Kaffee, Tee und auch Bananen hingestellt.  Daneben ein Schild: For you! Gift/Donativo. Also ein Geschenk für das sie oder er eine kleine Spende erbittet. Durchaus üblich in Spanien. 

Er sagte laut: Oh, gift. Den Rest las er nicht, packte sich vier der 6 Bananen in seinen Rucksack, erklärte noch: My lunch, und ließ es gut sein. Mir behagte das Verhalten nicht,  schwieg aber.

Das weitere Gespräch legte ähnliches Verhalten offen, immer ging es darum, wie man möglichst günstig durch dieses Land kommt. Ich selber hörte aber auch jedesmal den Nachsatz „auf Kosten anderer“ und so wurde in mir der Entschluss wach, dass ich nicht mehr lange mit ihm laufen möchte.

Bei der nächsten Wasserpause sagte ich ihm, ich ginge zur nächsten Bar, um einen Kaffee zu trinken. Seine Antwort, er würde sehr gerne mit mir einen Kaffee trinken,  habe aber gerade kein Geld dabei.

Ein Lebenskünstler, dachte ich nur. Liege ich richtig, wenn ich „Lebenskünstler“ so umschreibe, dass sich dieser Mensch erhofft für das Kunstwerk,  das er selber ist, von anderen entlohnt zu werden?

Ich erhole mich gerade in Astorga vor dem Gaudipalast, werde mir die Kathedrale ansehen und dann noch 10 km laufen. 

14.45 Uhr

Punktsieg gegen Hans Gerd.

( der hat nämlich zwei Engelchen auf seiner Schulter sitzen. Eines von beiden zieht ab und zu ein „B“ vor sich, nur zur Tarnung. Es ist nicht immer eindeutig, auf welches Engelrecht das Gute, und welche das Bengelchen ist.)

Geplant war, 10 km hinter Astorga eine Unterkunft zu suchen.  Nun bot sich aber 4 km hinter Astorga eine schnuckelige Herberge an. Beide Engelchen zugleich: „Lauf weiter du faule Sau!“ – „jetzt lass mal gut sein, denk an deinen Körper!“

Ich bin abgestiegen,  nach 41 km. Vernunft hat gesiegt. 🤭 Qod erat demonstrandum (dabei dachte ich bisher, die schalte ich demonstrativ beim Laufen aus, oder besser gesagt: meine Vernunft ist laufend ausgeschaltet. Das wiederum könnte den Schluss nahelegen, ich besitze keine Vernunft – wie auch einige behaupten. Das ist nun widerlegt)

Bin der einzige Gast. 

19.00 Uhr

Vergesst Leon, vergesst Astorga, lasst alles links liegen,  wenn ihr richtig gut essen wollt. Eine selbstgemachte Kürbissuppe mit frischem Brot zur Vorspeise.  Da ich vegetarisch bestellt hatte durfte ich dann Soja mit Gemüseallerlei zu mir nehmen. Zum Dessert gab es einen frischen Kuchen, der eine Buttermilchcreme enthielt und mit Schokolade verfeinert war.

Die Portionen waren so groß,  dass ich mich definitiv überessen habe. 

Und nur die Tatsache, dass ich über Essen-poster bei whattsapp regelmäßig lästere (deutsches Stilleben: Riesenschnitzel mit Pommes und weißer Majonaisencreme) bewahrt euch davor hier jetzt Fotos dieser Mahlzeit zu sehen. Fast schon schwankte ich, aber ich blieb standhaft. Früher schickten wir vor dem Essen ein Gebet zum Himmel und sagten Dank. Heute machen wir ein Foto vor dem Essen schicken es in die ganze Welt und erhoffen Bewunderung. 

Diese Mahlzeit hätte beides verdient gehabt. Dank an den Himmel und Werbung.

Wo es diese gab?

In der Albergue las Aguedas in Murias de Rechivaldo. Zubereitet vom Herbergsvater selbst.

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