Das letzte Lebensdrittel

Ich bin im letzten Lebensdrittel. Definitiv. Mit 63 Jahren muss ich mir da nichts vormachen. Wenn es gut läuft, werden mir noch ein paar Jahre geschenkt. Aber wer weiß das schon. Es sterben Menschen in viel früherem Alter. Einfach so weitermachen, ohne die Tatsache zu realisieren, verleugnet die Realität.

Dabei lebe ich gerne. Liebe meine Arbeit im Gefängnis und liebe immer noch das pralle Leben, wenngleich ich den Ausdruck „pralle Leben“ heute anders definiere, als noch vor zwanzig Jahren.

Im ersten Drittel versuchte ich an meiner Lebenstüchtigkeit zu arbeiten. Entwickeln, ausprobieren, auf die Nase fallen, lernen. Das zweite Lebensdrittel war davon geprägt das Erlernte umzusetzen. Den Platz zu finden, an den ich gehöre, auch wenn das Lernen nie aufhörte und aufhört.

Welche Überschrift gebe ich dem letzten Drittel? Ich habe lange gerungen.

Mit einem Wort gesagt: Loslassen.

In zwei Jahren gehe ich beim Land NRW in Pension. Werde das Gefängnis, die Arbeit und viele Menschen, die mir wichtig geworden sind, loslassen (müssen).

Ich kann das geschehen lassen, oder ich kann es gestalten.

Wenn ich loslassen will – freiwillig – dann stellt sich mir aber auch die Frage: Was brauche ich denn noch. Woran muss ich festhalten. Und woran mache ich fest, dass ich es noch brauche?

Es hat sich viel angesammelt in meinem Leben. Es füllte Regale und Schränke. Vor 10 Jahren entsorgte ich schon zwei Drittel und zog bewusst in eine Wohnung ohne Keller, ohne Dachboden, ohne Garage. Aber auch diese Wohnung füllte sich wieder nach und nach.

Ob mir die Dinge wichtig waren? Vielleicht einen kurzen Moment. Vieles bekam keinen langen Stellenwert.

Ich brauchte einen erneuten Schnitt. So verschenkte ich schon im Advent 2019  viel von meinem Hab und Gut, dass meine Wohnung füllte. Bilder, Cds, meinen Zelebrationskelch, Kunstgegenstände. Der Fernseher ist weg und vieles, vieles andere.

Nachdem es mir einige Zeit nicht mehr unter die Augen kam, vermisste ich es nicht. Ich lebe immer noch gut. Vieles wird folgen müssen.

Ich wundere mich, wie leicht es mir fällt und ärgere mich, wenn es mir wirklich schwer fällt. Das ist bei meiner Kaffeemaschine der Fall.

Mit 65 Jahren – wenn mir noch das Leben und die Gesundheit geschenkt sind – möchte ich mich dann auf den Weg machen. Mit dem Rucksack. Zwei Jahre. Leichtes Gepäck. Maximal 20 Kilo. Pilgern, wandern, bei mir sein. Ich laufe vom Nordkap nach Sizilien und von Istanbul nach Santiago de Compostella und Finesterre (dem früher geglaubten Ende der Welt). Ca. 12.00 Kilometer. Was soll ich dann noch mit all dem Kram, den ich für so wichtig halte.

Auf der Karte sieht diese Wegstrecke aus wie ein krummes Kreuz über Europa. Vielleicht wird sie mir auch zum Kreuz. Aber ich muss es tun. Vielleicht ist es der Dank für mein Leben. Vielleicht auch das größte Geschenk. Vielleicht ist Danke sagen können das Geschenk des Lebens.

Wenn ich zurückkomme? Ja, was dann?

Ich möchte keine Wohnung mehr. Ich ziehe in mein Wohnmobil, so der Plan. Habe bereits einen festen Stellplatz in der Nähe von Münster.

Alles was mir lieb und wichtig war, ist bis dahin hoffentlich in den Händen von Freundinnen und Freunden. Mit leichtem Gepäck.

Mit leichtem Gepäck, aber mit brennendem Herzen.

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